Manche Dinge sind so ausgereift, dass man sie nicht verbessern kann. Aber mal ehrlich: der handelsübliche Kameragurt gehört nicht dazu. Die Kamera baumelt entweder störend am Bauch oder ist diagonal getragen kaum benutzbar.

Der neue Kamera-Tragegurt von Grünografie überzeugt nicht nur durch ein durchdachtes Trageprinzip, sondern auch durch die nachhaltige Herstellung sowie Robustheit. Er ist mittlerweile ein richtiges Lieblingsteil bei meiner Fotoausrüstung. Heute gibt es nach mehrmonatigem Test nun endlich meine Review.

Kameragurt, schwarz, aus Auto-Sicherheitsgurt

Der nachhaltige Kameragurt von Grünografie

Grundsätzlich kann ich diesen Kameragurt jedem empfehlen, der

  • einen gut händelbaren Kameragurt benötigt
  • auf Nachhaltigkeit wert legt, auch beim Kamera Zubehör
  • einen Schultergurt bevorzugt (bei dem die Kamera nicht ständig abfällt)
  • ein kleineres Kamerasystem besitzt, z.B. eine Systemkamera (für Spiegelreflexkameras ist der Gurt meiner Ansicht nach nicht geeignet, dazu unten mehr)

Und vielleicht sucht Ihr ja gerade auch noch eine coole Geschenkidee für einen Fotografie-begeisterten Menschen.

Inhalt des Artikels

Der Grünografie Kameragurt
Die Befestigung des Kameragurtes
Tragekomfort, Verschluss & Gurt
Optik
Nachhaltigkeit / Materialien
Fazit

Der Grünografie Kameragurt

Der Kameragurt von Grünografie ist ein Schultergurt, der Auto-Sicherheitsgurte wiederverwendet. Man trägt ihn wie z.B. auch den Sun-Sniper-Gurt schräg um den Hals gelegt, damit die Kamera nicht über die Schulter rutschen kann. Ausgedacht hat sich dieses Konzept Kilian Lenz, selbst begeisterter Fotograf, der auf der erfolglosen Suche nach nachhaltigem Kamera-Zubehör kurzerhand selbst welches erfand.

Ich wollte schon länger einen Schultergurt haben, denn mich nervt eine Kamera um den Hals baumelnd sehr, außerdem arbeite ich häufiger mit zwei Kameras. Also habe ich bisher immer eine am Handgelenk gehabt und eine um den Hals – aber auch das ist nicht sehr praktikabel.
Was bisher überhaupt nicht ging: Fahrradfahren und Kamera griffbereit haben. Beim Wandern trage ich manchmal eine Bauchtasche, beim Fahrrad fahren macht sich das schlecht.

Der Grünografie-Kameragurt wird statt an den dafür vorgesehenen Halterungen mittels der umgebogenen Schlosszunge des ursprünglichen Auto-Gurtes am Stativgewinde der Kamera befestigt, eine so genannte Ein-Punkt-Befestigung.

Autogurt als Kameraband

Zum Befestigen ist die Metallzunge des Auto-Sicherheitsgurtes einfach umgebogen worden.

Die Kamera wird dabei „kopfüber“ getragen. Das hat den großen Vorteil, dass man die Kamera schnell greifen und mit nur einer Hand direkt zum Auge führen kann – was allerdings bei den meisten Herstellern so mittel-hakelig funktioniert, da sich ja der Gurt dabei mitbewegen muss, und der bleibt gerne mal an Jacke, Kapuze oder Rucksack hängen und man bekommt die Kamera im entscheidenden Moment nicht hoch. Beim Grünografie Kameragurt ist nun genau dieser Punkt das eigentliche Feature: Da sich der Gurt beim Handling mit der Kamera nicht mitbewegen muss, hakt auch nichts.
Wie im Auto rutscht hier der Gurt durch die Öffnung der Schnalle, nur hat Kilian beim Grünografie-Gurt dieses Prinzip einfach umgedreht: Die Schnalle, an der die Kamera hängt, wird am Gurt hin- und hergeschoben, ohne den Gurt zu bewegen.

Kamera-Tragesystem

Tragesystem des Grünografie-Kameragurtes: Hier wurde das Prinzip des leicht führbaren Auto-Sicherheitsgurtes genutzt.

Das ist eigentlich so einfach und genial, dass man sich fragt, warum diese Ein-Punkt-Gurte nicht alle so gemacht sind.

Da Kilian hier bewährte Teile von Autos upcycelt, wie man so schön sagt, sind sowohl Gurt wie Schnalle auch sehr hochwertig. Die Idee ist so genial, ich könnte da noch ewig schwärmen.

Kommen wir aber erst einmal zur Befestigung.

Die Befestigung des Kameragurtes

Von den bereits erwähnten Sun-Snipern war ich bisher auch nicht begeistert, weil ich bei zwei anderen Leuten beobachten durfte, wie sich die Kameras lösten und einen hübschen Abgang auf den Boden machten. Das ist mir mit meiner Standardausrüstung von ca. 1500 Euro einfach zu gefährlich.

Als der Grünografie-Gurt ankam, war ich deshalb auch extrem skeptisch. Der Metall-Verschluss von der Schlosszunge ist lediglich umgebogen worden. Mittels Gewindeschraube und zwei Gummiplättchen wird die Schnalle nun an der Kamera befestigt.

Mittels einer dicken Schraube wird der Tragegurt an der Kamera befestigt.

Gewindeschraube und Gummiplättchen zur Befestigung.

Erstes Manko war allerdings, dass das Gewinde nicht besonders lang ist und ich deshalb nur ein Gummi verwenden konnte. Würde das halten? Außerdem hat der Schnallengriff natürlich ordentlich Hebelwirkung. Man kann das Gewinde damit sehr gut zuziehen, aber ob sich das nicht ebenso leicht löst, wenn irgendwas dagegen kommt?
In der ersten Zeit kontrollierte ich deshalb das Gewinde ungefähr alle 10 Sekunden, war aber schon sehr bald beruhigt: Das Ding sitzt bombenfest. Ich nutze den Gurt jetzt bereits seit einem halben Jahr und habe damit etwa 50 Touren sowohl zu Fuß wie auf dem Fahrrad unternommen und musste nicht einmal nachziehen. Warum das hier so ist und bei anderen Schultergurten nicht, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist das Gummi einfach besser.
Sorgen mache ich mir also inzwischen absolut keine mehr um mein Equipment.

Tragekomfort, Verschluss & Gurt

Grundsätzlich finde ich den Tragekomfort wirklich enorm, das habe ich bisher mit keinem anderen Gurt gehabt. Wie oben erwähnt funktioniert das Prinzip des feststehenden Gurtes mit der beweglichen Kamera super. Da ich in diesem Jahr für mein im Frühjahr erscheinendes Buch sehr viel unterwegs war und viel fotografiert habe, habe ich das auch ordentlich ausgetestet.

Person mit zwei Kameras

Zwei Kameras um den Hals? Schwierig, das geht nur mit einem Ein-Punkt-Kameragurt.

Verbesserungspotential sehe ich nur an einer Stelle:
Da ich zwei Kameras besitze und bisher nur einen Grünografie-Kameragurt, trage ich die große Canon immer noch um den Hals bzw. per Handschlaufe. Bei einem etwas kürzeren Test mit der Canon 80D empfand ich das Gewicht an meinem Hals als unangenehm, das ist mit der kleinen Olympus natürlich nicht so. Am einfachsten wäre das durch eine kleine, verschiebbare Gurt-Ummantelung zu lösen, die man sich auch leicht selber machen kann. Wer aber viel eine schwere Spiegelreflexkamera nutzt, sollte sich vermutlich besser ein Profisystem zulegen, davon gibt es ja einige.

Für das Feststellen der Gurtlänge wird ein Fixlock aus hochwertigem Plastik verwendet. Ähnlich wie im Flugzeug zieht man den Gurt auf die gewünschte Länge und klappt den Verschluss zu. Das funktioniert super und ist auch mit einer Hand zu bewältigen. Der überstehende Teil des Gurtes, also das, was in der Länge zuviel war, hängt nun über und kann in eine Lasche gesteckt werden, damit die nicht herum baumelt.

Kameraband und Fixlock

Kameraband und Fixlock

Das ist gut durchdacht, bei mir bleibt aber ohne Jacke sehr viel Gurt übrig und die überstehende Lasche stört etwas. Die Lösung wäre ein kürzerer Gurt, dann muss man aber wieder in Kauf nehmen, dass es bei einem sehr dicken Mantel knapp wird. Für dieses Mosern auf hohem Niveau habe ich daher selber keine Lösung und nehme das gerne für die restlichen Funktionen in Kauf.

Optik

„Ist aber ziemlich hässlich“, meinte meine Schwägerin, als sie den Gurt sah. Echt? Hm, das ist wohl Geschmackssache. Ich finde ihn genauso, wie er ist, richtig cool. Er ist allerdings aufgrund seiner Breite und dem Fixlock einfach größer als andere Gurte.
Natürlich mag ich auch mein Kameraband an der großen Canon, das mir meine Schwester genäht hat. Nachteil bei diesen Bändern ist allerdings, dass sie aus Stoff und damit ziemlich fix sehr unhygienisch sind. Den Autogurt kann man einfach feucht abwischen.

Nachhaltigkeit / Materialien

Kilian argumentiert mit der „Unkaputtbarkeit“ und hoch Belastbarkeit der Tragegurte. Ein ziemlich cooles Argument, nicht nur für’s Budget, sondern auch für die Nachhaltigkeit. Ich vermute, am ehesten wird entweder das Gummi spröde oder der Fixlock geht kaputt, das dürfte jedoch lange dauern.

Die Hauptteile des Gurtes bestehen wie erwähnt aus gebrauchten Autogurten, die anderen Komponenten werden in Deutschland von Werkstätten und kleinen Betrieben produziert. Und selbst bei der Verpackung hat sich Kilian Gedanken gemacht: Die Lieferung erfolgte in einem recyceltem Umschlag, in dem Innen die Informationen zum Gurt aufgedruckt sind. Das gibt von mir persönlich noch einmal zwei Däumchen.

Fazit

Neben wenigen negativen Aspekten (langer Gurtüberhang stört etwas, eher nichts für schwere Spiegelreflexkameras) hat mich das neue Tragegurt-System von Grünografie sehr überzeugt, ich selbst möchte ihn nicht mehr missen und überlege, ihn mir auch für meine Canon 80D anzuschaffen, auch wenn die Kamera schwerer ist. Dass hier alles im Sinne der Nachhaltigkeit produziert und verschickt wird, ist nicht das vordergründige Kaufargument, aber natürlich ein toller Extra-Bonus.
Wer einen fair produzierten und sehr gut funktionierenden Kameragurt sucht, eher im spiegellosen Bereich oder mit kleinen DSLRs fotografiert, ist bei Grünografie genau richtig. Derzeit kostet der Kameragurt 49 Euro plus Versand.

TIPP: Wer unsicher ist, ob der Kameragurt etwas für ihn ist: Kilian bietet an, den Gurt für nur wenige Euro eine Woche lang zu testen.

Leider ist der Gurt derzeit ausverkauft und auch der Test-Gurt ist nicht zu bekommen. Es gibt allerdings einen unverstellbaren Gurt für 39 Euro.

Offenlegung: Ich habe den Gurt zum Testen von Kilian bekommen. Meine Begeisterung, dass sich jemand für nachhaltiges Kamerazubehör einsetzt und einfach mal „macht“, sowie über den toll funktionalen Kameragurt selbst, ist nicht erkauft.