Es ist lange her, 1999 war es, da besuchte ich Sansibar, was eigentlich korrekterweise Zanzibar geschrieben werden müsste, während einer größeren Reise durch Tanzania.
Wir waren mit unserer Studiengruppe schon mehrere Wochen gereist, hatten viel gesehen, waren müde, geflasht, im Reisefieber, aufgeregt, überfordert, hatten uns mit unserem Professor gestritten, der unserer Meinung nach das Verhalten eines Kolonialherren an den Tag legte. Wir wollten das Prinzip „live like the locals“, was bis dahin zu kurz gekommen war.
Die Erinnerungen an diese Wochen in Tanzania verblassen jedoch, wenn ich an Sansibar denke.
Schon der Name klingt zauberhaft.

Erster Anblick der Altstadt Sansibars

Panorama in analog

So geht Panorama 1999 in analog: Fotos aneinanderpappen. Stone Town, Zanzibar

Den ersten Anblick von Stone Town, der Altstadt von Sansibar, von der Fähre aus werde ich nie vergessen. Er erinnerte mich an all die alten Filme, in denen weniger von Macht, Sklaverei und Zerstörung die Rede war denn von Kolonialromantik, und ich konnte nicht anders, als ein warmes, aufgeregtes Prickeln zu spüren. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an diesen Anblick zurückdenke. Sansibar, und vor allem Stone Town, hat mich seit damals nie wieder losgelassen.

Zanzibar Stown Town

So zauberhaft und noch recht untouristisch Sansibar damals war, so schwierig war es auch. Damit ist nicht der Hafen gemeint, den eine Reisebuchautorin, die ich auf dem Rückflug kennenlernte, als ganz furchtbar gefährlich und düster beschrieb. Was für ein abstruser Blödsinn, ich nehme an, sie vermisste lediglich die britische Ordnung.
Ohnehin gab es wenig Kleinkriminelle, die Angst vor der willkürlichen Justiz war in der Bevölkerung viel zu groß.

Marktplatz in Stown Town, Sanzibar

Handels- und Marktplatz

Neutourismus zwischen politische Spannungen und korrupter Polizei

Die gar nicht so offensichtlichen politischen Spannungen zwischen Festland und Sansibar waren das Problem, uralte traditionelle Auseinandersetzungen zwischen vermeintlich arabisch- und nichtarabischen Welten, die mehr auf Politikerebene ausgefochten wurden, und vor allem die autonom handelnde und korrupte Polizei führten dazu, dass uns eingeimpft wurde, auf gar keinen Fall mit Polizisten mitzugehen, denn wenn man erstmal im Gefängnis saß, sah es schlecht aus: Die durchschnittliche Überlebensdauer betrug damals drei Monate.

Traditionelle Boote, die Dhaus, auf Sansibar

Dhaus, traditionelle Boote, werden auch heute noch eingesetzt

Einen Geschmack dieser Willkür bekam ich am letzten Abend in Stonetown: Zu zweit bummelten wir den Strand entlang, als zwei Polizisten uns aufhielten und behaupteten, hier dürfe man um diese Uhrzeit nicht entlanglaufen. Die Situation war heikel: Es war klar, dass sie Geld wollten. Zückten wir aber sofort ein paar Scheine, könnte das uns als überhebliche Kolonialmanier ausgelegt werden, und einen wütenden Polizisten gilt es tunlichst zu vermeiden.
Um Hilfe schreien wäre eventuell als Widerstand gegen die Staatsmacht ausgelegt worden, weglaufen war auch keine gute Idee. Natürlich weigerten wir uns, zur „Station“ mitzugehen, denn das war nichts anderes als das Gefängnis. Das freundliche Argumentieren dauerte über eine Stunde, dann ließen die Polizisten von uns ab, offensichtlich konnten sie uns nicht gut genug einschätzen. Den Rest des Abends verbrachten wir im Hotel.

Hängematte

Glücklich überstanden mit einer Zigarette danach: Auseinandersetzung mit zanzibarischen Polizisten

Das Erlebnis kann aber bis heute meine Begeisterung von Stone Town nicht wirklich schmälern. Zu faszinierend sind die alten, kleinen Gassen, die wunderschönen handgeschnitzten Holztüren, für die Zanzibar berühmt ist, die kunstvollen Balkone, die sich von Haus zu Haus erstrecken, weil den Frauen verboten war, sich an bestimmten Tagen in den Gassen zu zeigen, die farbenfrohen Kangas der Frauen, die ich alle nicht fotografiert habe, denn die meisten Zanzibari mochten das nicht.

Zanzibar-StoneTown

In den kleinen Gassen konnte ich mich wunderbar verlaufen

Zanzibar Holztüren

Stone Town ist für seine handgeschnitzten Holztüren berühmt

Sansibar, Stone Town

Blick aus dem Hostelzimmer

Museum mit Wasserfront

Die schöne Wasserfront von Stone Town mit dem Palace Museum

Verlockend sind die Klänge des Swahili und der arabisch-afrikanischen Chöre und der Gerüche zanzibarischer Kochkunst; geheimnisvoll die kleinen Gassen und die warme afrikanische Nacht.

Stown Town in der Nacht

Geheimnisvolles Zanzibar in der Nacht in Stown Town

Stone Town auf Sansibar hatte sich – jedenfalls noch im Jahr 1999 – den Zauber der alten arabischen Welt gepaart mit afrikanischen Traditionen erhalten und erfüllte alle Träume, jedenfalls, solange man sich an die ungeschriebenen Regeln hielt und kein Pech hatte.

An die Ostküste

Wenn ich an Sansibar und Stone Town denke, fallen mir aber immer auch „Omi“ und Mustapha ein. Omi lernten wir auf der Suche nach einer Unterkunft an der Ostküste kennen. Unsere Studiengruppe war abgereist und wir wollen nun zu viert weiter. Sein Bruder habe da eine Schlafgelegenheit, erklärte Omi, und ja, da gäbs wohl auch ein paar Palmen und Strand, nur 10 Dollar die Nacht inklusive Essen. Er wirkte nicht sehr überzeugend und ein bisschen seltsam mit seinen schlechten Zähnen, dem offensichtlichen Alkoholproblem und der Glatze. Die Polizei hatte ihn erst vor kurzem aus einem Club herausgeholt, eingesperrt und die Rastas abrasiert. Ein regelmäßiges und übliches Verfahren, denn Rastas galten als unerwünschte Rebellen.
Trotzdem sagten wir zu, das Angebot war schon damals nicht schlecht, denn die Ostküste entwickelte sich langsam zum Reiche-Touristen-Magnet.

Mustapha holte uns mit einem Wagen ab. Seine traditionelle Kleidung, kanzu und kofia, versteckten seine Rastas und seine knallrote kurze Badehose.

Einheimischer in kanzu und kofia

„Omi“ in Tarnhose mit seinem Bruder Mustapha

Entgegen unseren Erwartungen empfing uns ein Paradies, was ich nicht besser hätte erträumen können.

Palmen an Sanzibars Ostküste

Unsere Frühstückshütte, gleich dahinter das Meer

kleine Hütte unter Palmen

Meine Schlafhütte

Wir erlebten eine Woche wie im Himmel. Tagsüber fing Mustapha uns frischen Fisch während wir mit Delphinen schwammen und bekochte uns fürstlich, am Abend zündete er das Lagerfeuer an und entpuppte sich als großartiger Geschichtenerzähler. Sein pazifistisches, riesengroßes Herz hat mich damals tief beeindruckt.

Sand, Wasser, Himmel

Traumwasser, allerdings sehr lange sehr flach, hier kann man besser plantschen als schwimmen oder mietet sich ein Boot

Palmen am Strand

Traumhafter Strand in Bwejuu

Kinder am Strand Zanzibars

Keine heile Welt: Kinder waren meist am Strand um zu Arbeiten: Touristen anbetteln oder Seegras sammeln

Kind am Strand

Abendstimmung am Strand

Omi habe ich nicht wiedergesehen. Weil er zuviel trank, hat Mustapha ihn am ersten Abend in die Stadt zurückgeschickt. Er starb ein Jahr später, totgeprügelt im Gefängnis.

Dies ist ein Beitrag für die Blogparade „Lieblingsstadt am Meer“ von Teilzeitreisender. Meine Fotos habe ich damals mit einer analogen Knipse geschossen. Sei sind abfotografiert und etwas nachbearbeitet.