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Aschenputtel auf brandenburgisch: Die Neue Hakeburg {Lost Places Fotografie}

17. März 2016
Lost Place Hakeburg Kleinmachnow

Als ich klein war, gab es diese Märchenbuchreihe, die ich gleichzeitig geliebt und gefürchtet habe, was ich auf die gruselig anmutenden Bilder schob, dabei waren es vermutlich die Geschichten der Brüder Grimm, die mir mit ihren drastischen Erziehungsstrafen Angst einjagten. Vor allem ist mir die Burg von Aschenputtel im Gedächtnis geblieben: Teils verwunschen, teils zum Fürchten, auf jeden Fall ein krasser Mischmasch aus Burg, Schloss, Gittern, Verzierungen, dicken Mauern, Holz. So eine Burg steht tatsächlich auch in Brandenburg, und das Beste daran ist, sie erzählt Geschichten, ist ein Lost Place, also seit einiger Zeit verlassen und seit neuestem kann man sie besichtigen: Die Neue Hakeburg.

Neue Hakeburg in Kleinmachnow, Außenansicht

Natürlich musste ich diese Gelegenheit sofort wahrnehmen, denn ich habe schon seit längerer Zeit ein Auge auf sie geworfen, weil sie ganz in der Nähe steht wo ich wohne: In Kleinmachnow südlich von Berlin.

Die neue Hakeburg

Die Burg ist mit knapp über hundert Jahren (Baujahr 1906-8) noch ein Teenager unter den Burgen, und das sieht man ihr auch wirklich an: Irgendwie will nichts so richtig zueinander passen. Das Tor ist klein, die Skelette an den Eingangssäulen ein bisschen fehlplatziert, Zier-Schießscharten, innen Holztäfelung neben bunten Fenstern und einer großen Steintreppe.

Hakeburg Kleinmachnow, Außenansicht

Aber ohnehin ist innen nichts mehr, wie es vermutlich einmal war, denn die Geschichte ist eine typisch deutsch-deutsche:

Nach der Fertigstellung durch den Bauherrn des Adelsgeschlechtes Hake (welches übrigens auch Bauherr für den Hackeschen Markt war) verblieb die Burg nur noch bis 1936 in den Händen des Erbauers Dietloff von Hake, anschließend wurde sie an die Reichspost verkauft. Während des 2. Weltkrieges diente die Burg dem Wirtschafts- und Verwaltungsamtes der SS als Forschungsinstitut für Funkanlagen. Während der DDR diente die Burg wie so viele Gutshäuser als Parteischule der SED und später als Gästehaus. Berühmteste Gäste waren Chruschtschow, Arafat, Castro und Gorbatschow. Die Deutsche Telekom, die nach der Wiedervereinigung Besitzerin wurde, veräußerte die Burg zügig, seitdem gibt es die üblichen zu kostspieligen Pläne, die allesamt nicht umgesetzt werden. Bleibt zu hoffen, dass sich irgendwann ein Einsatzzweck findet und die Burg nicht verfällt.

Eingangshalle der neuen Hakeburg in Kleinmachnow

Sie heißt übrigens die „neue“ Hakeburg, weil es tatsächlich eine Alte gegeben hat, unweit von der neuen, aus dem 14. Jahrhundert. Auch sie gehörte einst der Familie Hake, heute ist von ihr allerdings nichts mehr übrig.

Der Zustand

Bis auf ein altes Klavier und zwei rote Sessel, die extra vom Tourenbetreiber Go2Know hergeschafft wurden, ist kein Interieur mehr vorhanden. Die Räume sind leer und nicht einmal Vorhänge sind noch vorhanden, dafür aber die ein oder andere interessante Tapete.

Alte Tapeten im Lost Place Hakeburg Kleinmachnow

Die Innenräume sind absolut verwirrend, so, wie es sich für eine richtige Burg gehört. Irgendwo zwischen SED-angehauchten Wandplatten, Tapete aus den 50ern und neuen Netzanschlüssen erahne ich die verschiedenen Zeiten, die diese Burg durchgemacht hat und das, was der ursprüngliche Besitzer einmal in ihr sehen wollte. Von außen sieht sie gar nicht so groß aus, innen aber verlaufe ich mich mehrfach. Die vielen kleinen Zimmer, verschiedenen Durchgänge und Nebentreppen sind auf den ersten Blick ein chaotisches Labyrinth, auf den zweiten Blick orientiere ich mich an den verschiedenfarbigen Badezimmern, von denen es hier aus irgend einem Grund eine ganze Menge gibt.

Geschwungener Treppenaufgang

Treppenhaus im Lost Place Kleinmachnow

Vom hohen Turm aus hat man eine großartige Aussicht, die bei meinem Besuch allerdings sehr trübe ausfiel. Von der alten Terrasse aus sieht man über den Machnower See – ein fantastisch gelegener Ort.

Terrasse der Hakeburg mit Efeu bewachsen

Nicht, dass ich unbedingt in so einer Burg wohnen wollen würde, aber die Aussicht und das große Fenster in der Eingangshalle, die ich neulich schon in meinem Knutsch-gif gezeigt habe, sind schwer verlockend.

Geisterfoto mit durchsichtigem Kopf vor dem großen Eingangshallenfenster.

„Denkt.“ Der Körper ist noch da, der Kopf hat sich schon weggeträumt.

Während wir durch die Räume streifen sinnieren wir deshalb, was wir wohl tun würden, wenn uns so ein Objekt geschenkt werden würde. Alleine die Instandhaltung dürfte Unsummen verschlingen.

Verlassen: Leeres Zimmer mit Holztür und alter Tapete

Was in Zukunft mit der Burg passiert, ist unklar. An Ferienwohnungen hat man schon gedacht, an ein Hotel und ein Altersheim. Derzeit gibt es keine konkreten Pläne. Erschwerend für den neuen Besitzer kommen die Auflagen für die Innengestaltung hinzu: In jedem Raum hängt ein – fotografenfeindlicher – Zettel, auf dem genau aufgeschlüsselt ist, mit welchen Auflagen der entsprechende Raum nach welcher Bauzeit restauriert werden muss. Auflagen, die mir persönlich völlig unverständlich sind, weil sie zumeist verhindern, dass sich irgend jemand so ein Objekt leisten kann.

Kaminzimmer in der neuen Hakeburg

Vielleicht verfällt sie nun also doch, oder das „Fürstentums Sealand“ nimmt sich ihrer an. Das beansprucht nämlich die neue Hakeburg als exterritoriales Gebäude für sich. Der Grund: Rechtmäßiger Nachfolger des Reichtspostamtes sei nicht die Telekom sondern die „Deutsche Reichsregierung“, eine schräge Truppe, über deren politische Ausrichtung man wohl nicht viele Zweifel haben muss. Aber das ist eine andere Geschichte.

Eingangstor Neue Hakeburg in Kleinmachnow

Weiterlesen:

TTT – TierischeTouriTipps

Schönerweise muss man nicht mehr illegal irgendwo einbrechen, um Lost Places zu besichtigen: Das Unternehmen Go2Know bietet seit längerer Zeit Touren in Berlin und Brandenburg zu sehr interessanten Objekten an. Es war bereits meine dritte Tour und ich bin nach wie vor begeistert, mit wieviel Engagement das Unternehmen betrieben wird. Man bekommt einen historischen Überblick und kann jederzeit fragen und auch fotografische Tipps bekommen. Nach einer Einführung darf man sich frei auf dem Gelände bewegen, außerdem wird darauf geachtet, dass die Gruppen nicht zu groß sind, damit Fotografen genug Freiraum zum Fotografieren haben – perfekt. Diese Tour dauerte drei Stunden und kostete 30 Euro, ein sehr fairer Preis finde ich, zumal solche Touren verhindern, dass Leute in die Objekte einbrechen und mir ein legaler Raum für Lost Places Fotografie geboten wird.

12 Kommentare

  • Reply Sabrina 8. Juli 2016 at 15:18

    Hallo Inka, wirklich schöne Bilder und ein schöner Text. Du schreibst, man könne die Hakeburg besichtigen. Gibt es spezielle Öffnungszeiten oder muss man sich vorher anmelden? Weißt du das vielleicht oder hast eine Idee, wo man das erfragen kann? Ich würde gerne mit meiner Familie in die Burg. Liebe Grüße, Sabrina

    • hauke
      Reply hauke 8. Juli 2016 at 15:22

      Sabrina,
      schau mal ganz unten, letzter Abschnitt „TTT“.

      lg,
      /hauke

    • inka cee
      Reply inka cee 8. Juli 2016 at 15:24

      Hallo Sabrina,
      entweder ich verstehe Deine Frage nicht oder Du hast den gesamten letzten Absatz nicht gelesen. :D Go2Know bietet derzeit die einzigen Touren an, soweit ich weiß, diese finden unregelmäßig statt, die Termine stehen auf der oben verlinkten Webseite (unter den TTT) und man kann sich dafür anmelden.

      Dankeschön für das Kompliment, freut mich sehr, wenn Dir die Bilder (+ der Artikel) gefallen haben! :)
      Liebe Grüße
      /inka

  • Reply Paleica 4. April 2016 at 10:15

    wow, das hast du wundervoll festgehalten. ich bin verliebt!

  • Reply Kathrin 17. März 2016 at 23:13

    Interessant. So alte Gemäuer haben schon etwas an sich. Schade ist allerdings, dass die Burg nun sich selbst überlassen bleibt und wohl verfällt. Dabei ist der Zustand jetzt noch sanierbar.

    lg kathrin

    • inka cee
      Reply inka cee 20. März 2016 at 21:18

      Ja, da hast Du wirklich Recht Kathrin, deshalb haben wir uns ja auch so über diese strengen Auflagen geärgert. Natürlich ist bei vielen Gebäuden ein Denkmalschutz sicher sinnvoll. Wenn aber ein so tolles Haus verfallen muss (und das auch noch in Zeiten, wo Gebäude und Wohnungen dringend benötigt werden), weil die Kosten für diesen Denkmalschutz es verhindern, einen Besitzer/Nutzer zu finden, dann finde ich das einfach total bescheuert.
      LG /inka

  • Reply vielweib 17. März 2016 at 12:56

    WAHNSINN!!! Ich liebe solche verlassenen Orte und muss unbedingt diese Burg auf meine Muss-ich-erleben-Liste setzen. Noch besser, dass man diesen Platz legal besuchen kann.
    Du hast wieder einmal traumhafte Fotos gemacht <3
    Wie macht man so ein Bild von Dir vor dem Fenster, wo der Körper sich schon weg geträumt hat? Einfach wunderschön ….
    Wenn Du mal in unserer Region bist, solltest Du auf diesen Friedhof hier http://www.vielweib.de/2015/05/autofriedhof-lost-place-fototour/ Ich mag solche Plätze besonders gern.

    • inka cee
      Reply inka cee 20. März 2016 at 21:16

      Uii, toll! Der sieht übrigens super ähnlich aus wie ein Autofriedhof in Südschweden, den Janett von Teilzeitreisender mir empfohlen hat, leider hab ich es damals nicht dahin geschafft. Danke für den Tipp, den werde ich mir merken!
      Das Foto mit dem Wegträumen ist leicht gemacht: Langzeitbelichtung, ich glaube, ich hatte so 10 Sekunden (es war dort relativ dunkel, ansonsten brauchst Du natürlich einen ND-Filter), und bin dann nach ca. 6 Sekunden schnell aufgestanden und weggegangen. So erhälst Du einen etwas durchsichtigen Körper. Dass der Kopf durchsichtiger ist als der Körper selbst liegt wohl an meinen hellen Haaren und ist Glückssache. ;)
      Liebe Grüße
      /inka

  • Reply Fee ist mein Name 17. März 2016 at 12:55

    Ganz bezaubernd. Obwohl ich Märchen auch schon immer gruselig fand. Ich habe sie als Kind richtiggehend gehasst. Dafür habe ich dann später meine Magisterprüfung mit dem Thema „Grimms Märchen“ bestritten. Das nennt sich dann wohl Traumatabearbeitung ;)!

    • inka cee
      Reply inka cee 20. März 2016 at 21:12

      Haha Fee, das war es dann wohl tatsächlich. :D Mich hat der Grusel dieser Märchen absolut fasziniert. Ich habe nach den Märchen entsprechend weitere Bücher gelesen, die immer auch eine gruselige Komponente hatten. Seltsam, heute stehe ich weder auf Gruselgeschichten noch auf Krimis. Aber die Märchen haben es mir immer noch angetan. :)
      LG
      /inka

  • Reply Marc 17. März 2016 at 12:55

    Hahaha, Sealand hatte ich schon total vergessen. Was sich alles so hält :)
    Die Tour zur Hakeburg hatte ich mir auch schon überlegt, aber wenn das so total kahl ist habe ich irgendwie nicht mehr so richtig Lust drauf.

    Danke für deinen Bericht!

    • inka cee
      Reply inka cee 20. März 2016 at 21:11

      Jaa, so ging es mir auch mit Sealand. Ich bin glaub ich über Wikipedia darüber gestolpert. :D
      Hmja, ich kann mir schon vorstellen, dass das nichts ist, wenn man sich einen klassischen Lost Place vorstellt, also eben mit kaputtem Interieur. Hier sieht es sehr sauber und aufgeräumt aus. Ich fand es trotzdem toll, aber erstens hatte ich eigentlich noch ein kleines Fotoprojekt vor – und dämlicherweise die Zutaten dafür zu Hause vergessen, grrr ;) – zweitens habe ich natürlich einen persönlichen Bezug dazu, denn wir fahrne seit mehreren Jahren regelmäßig auf kleinen Fahrradtouren an der Burg vorbei.
      Insofern hast Du vermutlich recht und für Dich sind andere Objekte besser geeignet.
      Grüße!

    Kritik? Schmeicheleinheit? Einfach Senf? Her damit!