Als ich klein war, gab es diese Märchenbuchreihe, die ich gleichzeitig geliebt und gefürchtet habe, was ich auf die gruselig anmutenden Bilder schob, dabei waren es vermutlich die Geschichten der Brüder Grimm, die mir mit ihren drastischen Erziehungsstrafen Angst einjagten. Vor allem ist mir die Burg von Aschenputtel im Gedächtnis geblieben: Teils verwunschen, teils zum Fürchten, auf jeden Fall ein krasser Mischmasch aus Burg, Schloss, Gittern, Verzierungen, dicken Mauern, Holz. So eine Burg steht tatsächlich auch in Brandenburg, und das Beste daran ist, sie erzählt Geschichten, ist ein Lost Place, also seit einiger Zeit verlassen und seit neuestem kann man sie besichtigen: Die Neue Hakeburg.

Neue Hakeburg in Kleinmachnow, Außenansicht

Natürlich musste ich diese Gelegenheit sofort wahrnehmen, denn ich habe schon seit längerer Zeit ein Auge auf sie geworfen, weil sie ganz in der Nähe steht wo ich wohne: In Kleinmachnow südlich von Berlin.

Die neue Hakeburg

Die Burg ist mit knapp über hundert Jahren (Baujahr 1906-8) noch ein Teenager unter den Burgen, und das sieht man ihr auch wirklich an: Irgendwie will nichts so richtig zueinander passen. Das Tor ist klein, die Skelette an den Eingangssäulen ein bisschen fehlplatziert, Zier-Schießscharten, innen Holztäfelung neben bunten Fenstern und einer großen Steintreppe.

Hakeburg Kleinmachnow, Außenansicht

Aber ohnehin ist innen nichts mehr, wie es vermutlich einmal war, denn die Geschichte ist eine typisch deutsch-deutsche:

Nach der Fertigstellung durch den Bauherrn des Adelsgeschlechtes Hake (welches übrigens auch Bauherr für den Hackeschen Markt war) verblieb die Burg nur noch bis 1936 in den Händen des Erbauers Dietloff von Hake, anschließend wurde sie an die Reichspost verkauft. Während des 2. Weltkrieges diente die Burg dem Wirtschafts- und Verwaltungsamtes der SS als Forschungsinstitut für Funkanlagen. Während der DDR diente die Burg wie so viele Gutshäuser als Parteischule der SED und später als Gästehaus. Berühmteste Gäste waren Chruschtschow, Arafat, Castro und Gorbatschow. Die Deutsche Telekom, die nach der Wiedervereinigung Besitzerin wurde, veräußerte die Burg zügig, seitdem gibt es die üblichen zu kostspieligen Pläne, die allesamt nicht umgesetzt werden. Bleibt zu hoffen, dass sich irgendwann ein Einsatzzweck findet und die Burg nicht verfällt.

Eingangshalle der neuen Hakeburg in Kleinmachnow

Sie heißt übrigens die „neue“ Hakeburg, weil es tatsächlich eine Alte gegeben hat, unweit von der neuen, aus dem 14. Jahrhundert. Auch sie gehörte einst der Familie Hake, heute ist von ihr allerdings nichts mehr übrig.

Der Zustand

Bis auf ein altes Klavier und zwei rote Sessel, die extra vom Tourenbetreiber Go2Know hergeschafft wurden, ist kein Interieur mehr vorhanden. Die Räume sind leer und nicht einmal Vorhänge sind noch vorhanden, dafür aber die ein oder andere interessante Tapete.

Alte Tapeten im Lost Place Hakeburg Kleinmachnow

Die Innenräume sind absolut verwirrend, so, wie es sich für eine richtige Burg gehört. Irgendwo zwischen SED-angehauchten Wandplatten, Tapete aus den 50ern und neuen Netzanschlüssen erahne ich die verschiedenen Zeiten, die diese Burg durchgemacht hat und das, was der ursprüngliche Besitzer einmal in ihr sehen wollte. Von außen sieht sie gar nicht so groß aus, innen aber verlaufe ich mich mehrfach. Die vielen kleinen Zimmer, verschiedenen Durchgänge und Nebentreppen sind auf den ersten Blick ein chaotisches Labyrinth, auf den zweiten Blick orientiere ich mich an den verschiedenfarbigen Badezimmern, von denen es hier aus irgend einem Grund eine ganze Menge gibt.

Geschwungener Treppenaufgang

Treppenhaus im Lost Place Kleinmachnow

Vom hohen Turm aus hat man eine großartige Aussicht, die bei meinem Besuch allerdings sehr trübe ausfiel. Von der alten Terrasse aus sieht man über den Machnower See – ein fantastisch gelegener Ort.

Terrasse der Hakeburg mit Efeu bewachsen

Nicht, dass ich unbedingt in so einer Burg wohnen wollen würde, aber die Aussicht und das große Fenster in der Eingangshalle, die ich neulich schon in meinem Knutsch-gif gezeigt habe, sind schwer verlockend.

Geisterfoto mit durchsichtigem Kopf vor dem großen Eingangshallenfenster.

„Denkt.“ Der Körper ist noch da, der Kopf hat sich schon weggeträumt.

Während wir durch die Räume streifen sinnieren wir deshalb, was wir wohl tun würden, wenn uns so ein Objekt geschenkt werden würde. Alleine die Instandhaltung dürfte Unsummen verschlingen.

Verlassen: Leeres Zimmer mit Holztür und alter Tapete

Was in Zukunft mit der Burg passiert, ist unklar. An Ferienwohnungen hat man schon gedacht, an ein Hotel und ein Altersheim. Derzeit gibt es keine konkreten Pläne. Erschwerend für den neuen Besitzer kommen die Auflagen für die Innengestaltung hinzu: In jedem Raum hängt ein – fotografenfeindlicher – Zettel, auf dem genau aufgeschlüsselt ist, mit welchen Auflagen der entsprechende Raum nach welcher Bauzeit restauriert werden muss. Auflagen, die mir persönlich völlig unverständlich sind, weil sie zumeist verhindern, dass sich irgend jemand so ein Objekt leisten kann.

Kaminzimmer in der neuen Hakeburg

Vielleicht verfällt sie nun also doch, oder das „Fürstentums Sealand“ nimmt sich ihrer an. Das beansprucht nämlich die neue Hakeburg als exterritoriales Gebäude für sich. Der Grund: Rechtmäßiger Nachfolger des Reichtspostamtes sei nicht die Telekom sondern die „Deutsche Reichsregierung“, eine schräge Truppe, über deren politische Ausrichtung man wohl nicht viele Zweifel haben muss. Aber das ist eine andere Geschichte.

Eingangstor Neue Hakeburg in Kleinmachnow

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Schönerweise muss man nicht mehr illegal irgendwo einbrechen, um Lost Places zu besichtigen: Das Unternehmen Go2Know bietet seit längerer Zeit Touren in Berlin und Brandenburg zu sehr interessanten Objekten an. Es war bereits meine dritte Tour und ich bin nach wie vor begeistert, mit wieviel Engagement das Unternehmen betrieben wird. Man bekommt einen historischen Überblick und kann jederzeit fragen und auch fotografische Tipps bekommen. Nach einer Einführung darf man sich frei auf dem Gelände bewegen, außerdem wird darauf geachtet, dass die Gruppen nicht zu groß sind, damit Fotografen genug Freiraum zum Fotografieren haben – perfekt. Diese Tour dauerte drei Stunden und kostete 30 Euro, ein sehr fairer Preis finde ich, zumal solche Touren verhindern, dass Leute in die Objekte einbrechen und mir ein legaler Raum für Lost Places Fotografie geboten wird.