Ein Essay. Eine Straße bräuchten sie dringend, erzählt der Gaststättenbesitzer, denn was hier entlang führt, gleicht eher einer alten Schotterpiste. Und seitdem der Tagebau weg ist, seien sie nun mal auf die Touristen angewiesen, doch die kommen häufig mit dem Fahrrad und fahren diese schlechten Straßen ungerne. Das kann ich nachvollziehen.

Ich befinde mich mitten in der Niederlausitz in Göritz in der Gaststätte Drehpunkt. Einst befand sich hier der so genannte Drehpunkt des Tagebaus Greifenhain, mittlerweile dreht sich alles darum, ob die Region den Strukturwandel schaffen wird und ob die Touristen kommen. Die Niederlausitz ist eine Region in umfangreichem Wandel.

Mit dem Brandenbulli durch die Niederlausitz

 

#Brandenbulli

Der #Brandenbulli ist eine lose Reihe von Bullitouren durch Brandenburg. Mein geheimer Wunsch: Ein kleines Roadtrip-Buch für Brandenburg zu erstellen, aber bis dahin sind es noch einige Bullitouren und Zeichenkünste entfernt. → Zum ersten Bericht.

Die Playlist dazu gibt es allerdings schon:

Wie sieht eigentlich so ein Tagebau aus, und was passiert hinterher mit der Landschaft? Ist die Erde noch fruchtbar, oder gibt es für immer öde Wüsten?
Das sind Fragen, die ich selbst vor wenigen Jahren nicht beantworten konnte, dabei liegt gerade einmal eineinhalb Stunden von Berlin entfernt das größte ehemalige (und teils aktive) Braunkohle-Tagebaugebiet Deutschlands. Zum Teil bereits in den 70er Jahren stillgelegt, kann man heute ganz einfach selbst besichtigen, wie so eine Landschaft, eine so genannte Tagebaufolgelandschaft, aussehen kann.

Bischdorfer See

Tagebaufolgelandschaft Bischdorfer See in Brandenburg.

In diesem Gebiet befinden sich heute noch zwei aktive Tagebaue auf Brandenburger und zwei auf sächsischem Gebiet.
Just vor wenigen Tagen, am 1. September, wurde übrigens der Tagebau Jänschwalde kurzfristig stillgelegt. Man hatte „vergessen“, eine Umweltverträglichkeitsprüfung zu machen. Die Deutsche Umwelthilfe hat geklagt und Recht bekommen. Seitdem stehen die Bagger nun still.

Doch es soll heute nicht nur um Tagebaugeschichte gehen: Im Lausitzer Seengebiet befindet sich eine spannende Ausflugs-, Sport- und Urlaubsregion. Mittlerweile bin ich einige Male dort gewesen, dreimal mit dem #Brandenbulli, aber auch viel per Fahrrad, denn nicht überall sind die Pisten so schlecht, im Gegenteil: Viele neu gebaute Straßen und Wege hat das #LausitzerSeenland gleich barrierefrei angelegt und daher für ausgiebige Fahrradtouren sehr geeignet.

Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung, denn unser T3 wurde vom Anbieter rent-a-bulli.de gesponsert. Meine Meinung ist dennoch echt und ehrlich, darauf könnt Ihr Euch verlassen.

Bulli in der Lausitz

Unser schicker VW T3 für unsere Lausitz-Bullitour.

Die Sache mit dem Osten

Eigentlich sollte dieser Artikel vor der Wahl erscheinen. Die Wahl ist vorbei und verkatert gucken wir auf „unser“ Brandenburg und Sachsen. Dass ein Viertel der wählenden Brandenburger:innen die rassistische AFD gewählt haben, wäre in einem Artikel über die Niederlausitz untertrieben: Hier waren es in der Regel zwischen 30 und 40%, in einigen rechtsaußen Gebieten sogar 50%.
Differenziert die Gründe dafür zu betrachten, das kann dieser Artikel natürlich nicht leisten. Ich kann jedoch versuchen, punktuell den Finger in verschiedene kleine Wunden zu legen, die meiner Ansicht nach dazu geführt haben.

In einer Region, wo es Westdeutsche sind, die in den von der Treuhand verteilten Unternehmen ganz oben sitzen, in einer Region, in die westdeutsche Politiker:innen nicht fahren, um sich selbst ein Bild zu machen, in einer Region, wo man weniger verdient und weniger Rente bekommt als im Westen, in einer Region, wo es vielerorts kaum Infrastruktur, keine Ärzte und Kitas gibt, sind nicht nur die AFD-Wähler:innen frustriert.
Ich kenne genügend Menschen, die nicht AFD wählen, aber auch nicht mehr wissen, wofür sie wählen gehen sollen, weil sie sich seit jeher fremdbestimmt fühlen – daher auch der häufige Vergleich der Regierung mit dem SED-Regime, der von AFD-Anhängern ja gerne gebracht wird.
Menschen im Osten meckern viel – das ist ein Klischee, das ich selber bestätigen würde. Und das liegt nur vielleicht auch daran, dass es dem Osten nicht besonders gut geht, es liegt aber ganz sicher daran, dass man ihm nicht zuhört.
Ja, die Ursachen reichen weit zurück. Das rechtfertigt allerdings nicht den Rassismus, den diese Partei an den Tag legt und den man als Wähler:in wohl kaum ignorieren kann. Auch deuten verschiedene Erhebungen darauf hin, dass es sich nicht nur um Protestwähler handelt – das wäre zu schlicht, und vielleicht würde es einen tiefsitzenden Rassismus auch verharmlosen. Rassismus ist schon immer ein gern genutztes Ventil, ob für „ich zuerst“, für Frust, für Neid, als vereinfachende Weltanschauung. Mich macht das ratlos, auch ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

Muss ich also davon abraten, in der Lausitz Urlaub zu machen? Ganz sicher nicht.

Es wird nicht helfen, den Osten zu ignorieren. Es wird nicht helfen, die AFD zu ignorieren. Es wird nicht helfen, herumzuschreien, dass man in den Osten nicht mehr fahren kann, weil „da sind ja jetzt nur noch Nazis“.
Das ist erstens der anderen Bevölkerungshälfte gegenüber extrem ungerecht, zweitens offenbart es die ganze Blasiertheit, mit der der Westen seit 30 Jahren mit dem Osten umgeht. Der Osten ist kein Hund, den man in den Keller schicken oder ins Tierheim geben kann, wenn er einen nervt. Der Osten, das sind rund 12 Millionen gleichberechtigte Menschen in Deutschland, die genauso aufs Händereichen angewiesen sind, wie alle im Westen – nur das letztere das in den letzten 70 Jahren weitaus selbstbestimmter tun konnten.

Es gilt, dass West und Ost miteinander ins Gespräch kommen und lokale Initiativen (insbesondere für die Jugend) gefördert werden. Es gilt, die Mechanismen zur des Rassismus zu verstehen und zu bekämpfen (insbesondere bei den Jugendlichen). Es gilt, den Tourismus anzukurbeln, damit strukturschwache Gegenden neue Einkommensquellen haben, aber vor allem auch, damit nicht eine Mauer der Fremde hochgezogen wird. Es geht nicht darum, mit Rassisten zu reden oder die AFD gar als normale demokratische Partei zu behandeln, denn das ist sie nicht. Aber, wie es auf Matthias Quent auf Twitter gut ausdrückt:


Hingeschaut - weggeschautIch glaube, damit wäre viel getan. Sonst haben wir in einigen Jahren nicht nur 30 Prozent AFD-Wähler in der Niederlausitz, sondern aufgrund frustrierter Nichtwähler:innen sehr viel mehr. Engagiert Euch. Zeigt mit dem Finger dorthin, wo es hakt, gerne auch hier in den Kommentaren. Und fahrt in die Niederlausitz. Kommuniziert. Zeigt Euch. Und hört zu.

Rassistische, menschenfeindliche Äußerungen, Verschwörungstheorien, verallgemeinerndes Grünen-Bashing oder rechte Propaganda („alternative facts“), Ausdrücke wie „linksgrünversifft“, wenn sie keine Eigenbezeichnung sind und jegliche Hasskommentare werden allerdings gnadenlos gelöscht.

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Was und wo ist eigentlich die Niederlausitz?

Einst bauten die Lusitzi in der Region ihre Wallburgen, um sich gegen das ostfränkische Reich zu wehren. Heute ist eine ganze Region nach ihnen benannt: die Lausitz, aus dem Sorbischen in etwa mit „feuchte Wiesen“ übersetzbar.
Die Lusitzi waren ein westslawischer Stamm, aus denen die Sorben hervorgingen, genauer: Die Niedersorben (Wenden), die sich in etwa im heutigen südlichen Brandenburg ansiedelten, in der heutigen Niederlausitz, und die Obersorben im nördlichen Sachsen, in der Oberlausitz. Ein Teil der Lausitz liegt außerdem in Polen.

Die häufiger wiederholte Behauptung, dass die Lausitz nur ein künstlicher Begriff für eine Wirtschaftsregion darstellt, ist daher falsch, im Gegenteil verweist der Name auf eine sehr alte Besiedlung.
Die Grenzen der Lausitz sind deshalb ein klein wenig fließend, im Norden zum Beispiel zählen manche noch den Schwielochsee und Märkisch-Buchholz dazu, andere ziehen die Linie etwas südlicher. Der Spreewald, das Kerngebiet der Wenden, gehört ganz offensichtlich dazu, so kann man hier heute noch viele Straßennamen auf Niedersorbisch lesen und die Sprache, die sich übrigens vom Obersorbischen wesentlich unterscheidet, wird gepflegt, auch wenn sie heute mit ca. 8000 Sprecher:innen als stark gefährdete Sprache gilt.

Karte: Das Seen- und Tagebauland der Niederlausitz

Eine dieser alten Wallburgen kann man übrigens sehr gut besichtigen: Die Slawenburg Raddusch direkt am Spreewald ist ein originalgetreuer Nachbau. Der Spreewald gehört natürlich ebenso zur Niederlausitz, bekommt bei mir aber durch den besonderen Charakter ein Extra-Kapitel.

Slawenburg Raddusch

Die Slawenburg Raddusch beim Spreewald.

Die Niederlausitz und die Kohle: Eine kurze Geschichte

Gott erschuf die Lausitz, der Teufel legte die Kohle darunter. – Sorbisches Sprichwort

Ob mehr oder weniger zufällig: Die Braunkohle, unsere leider dreckigste Energiequelle Deutschlands, liegt hier im Osten insbesondere unter der Niederlausitz. Alleine die Kraftwerke Jänschwalde, Schwarze Pumpe und Boxberg stoßen jährlich etwa 54 Millionen Tonnen des klimaschädlichen CO2 aus, das ist mehr als ein Zehntel der gesamten CO2-Emission Deutschlands.

Dennoch ist der schnelle Ausstieg aus der Kohle umstritten: Was nützt der Ausstieg, wenn wir aufgrund unseres riesigen Energiebedarfs Atomstrom aus Frankreich importieren müssen?

Doch wäre das wirklich notwendig? Es ist derzeit schwer, an nichtpolemische, verlässliche Fakten zu kommen. Klar ist wohl aber jedem (bis auf wenige Ausnahmen): Das mit dem CO2, das müssen wir schnellstens ändern.

Kraftwerk Schwarze Pumpe

Von weitem sichtbar: Das Kraftwerk Schwarze Pumpe. Es gilt einerseits als eines der modernsten Braunkohlekraftwerke Europas, andererseits bläst es einen Großteil des in Deutschland emittierten CO2 in die Luft.

Beim Braunkohleabbau denken wir sofort an die riesigen Tagebaue von heute, allerdings wurde bereits im 19. Jahrhundert in der Niederlausitz Braunkohle durch Bergbau gefördert. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts setzte sich dann der Tagebau durch. Es entstanden riesige Löcher, Dörfer mussten verlassen werden, ein Großteil der Menschen lebt und lebte von der Kohleindustrie.
Die ersten großen Tagebaue schlossen bereits in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, weitere wurden in den 90er Jahren stillgelegt. Heute sind nur noch die Tagebaue Jänschwalde und Welzow sowie Nochten und Reichwalde in Sachsen aktiv.

Die meisten der Tagebau-Restlöcher wurden und werden nach Stilllegung geflutet und so entsteht hier in der Niederlausitz eine riesige Tagebaufolgelandschaft, die sich derzeit zum größten Seengebiet Deutschlands mausert.
Und genau diese Landschaft wollen wir erkunden – mit einem gemieteten Bulli, der für diese Tage unser Brandenbulli wird.

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Bullitour Niederlausitz

Mit dem Bulli durch die Niederlausitz: Allen voller Bäume entlang der Landstraßen, Felder, Seen.

Rein ins Wochenende: Unser VW T3 Brandenbulli

Felix liebt seine Bullis, das merkt man sofort. Sein Unternehmen gründete er aus Leidenschaft und ist noch heute aus den gleichen Gründen dabei. Als wir in Berlin bei Rent-a-Bulli ankommen und unseren T3 in Augenschein nehmen, stehen noch ein paar andere Bullis auf dem Hof. Ich bin beeindruckt, wie unglaublich gut sie gepflegt sind.
Sie sind mit dem typischen Westfalia-Ausbau versehen und haben alle eigene, sehr schnuckelige Namen. Die Einweisung erfolgt sehr gründlich, wir benötigen knapp eineinhalb Stunden, und das ist auch ganz gut so, denn diese Schaltung muss selbst der Bulli-erprobte Mann etwas üben.

Und es zeigt sich auch später, dass gerade für Unerfahrene eine ausführliche Einweisung immer sinnvoll ist. Ein paar Tankstellen später stehen wir nämlich ratlos vor dem Heck und rätseln, wo nochmal der Zugang zum Öl war. Gottseidank haben wir ein sehr praktisches, selbstangefertigtes Handbuch dazubekommen, mit dem wir letztendlich den Zugang finden.

Bulli auf Schotterpiste

So ein T3 hat Charakter – und manchmal auch kleine Macken. Das sollte man bei einer Tour berücksichtigen.

Gleich vorneweg: Wieso mussten wir das Öl checken, wenn wir doch nur ein paar Tage unterwegs waren?

So ein T3 ist eine alte Kiste, und alte Kisten sind wie alte Menschen: Sie werden tüddelig. Da hakt es mal hier, stöhnt da und klemmt’s dort. Das lässt sich nicht vermeiden und gehört bei so einer Tour dazu. Wenn Ihr also eher so drauf seid, einen Roadtrip mit 800 Kilometern täglich machen zu wollen mit mehreren fest geplanten Sightseeing-Stops, einem straffen Plan, einer Checkliste zum Abhaken und was sonst noch zu einer für mich alptraumhaften Reise gehört, seid Ihr beim Bulli definitiv falsch. Ich sage immer gerne:

So ein Bull, det is’n Lebensjefühl.

Und dazu gehört auch Lässigkeit, eine Prise Flexibilität, einfach mal loslassen und ohne Riesenplanung unterwegs zu sein. Und wenn der Bulli verlangt, dass man regelmäßig das Öl checkt, dann macht man das eben. Und wenn dann mal eine Schraube locker ist, ist das eben so. Und ja, auch das ist bei uns passiert, Felix war zur Stelle und nach ein paar Minuten war alles wieder in Ordnung. Allerdings mussten wir unseren Trip eben auch mal unterbrechen. Deshalb bin ich ein großer Fan davon, mit dem Bulli einfach die eigene Gegend zu erkunden, und bei uns ist das das vielfältige Brandenburg.

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Bulli auf Landstraße

Auf die Piste, fertig, los!

Die Frage des Stellplatzes: Campingplatz oder Landhof?

Unsere erste Etappe führt uns bis kurz unter den Spreewald zum Gräbendorfer See. Hier befindet sich ein hübscher kleiner Campingplatz im Süden des Sees. Trotz des Feiertags ist nicht viel los.

Campingplatz Gräbendorfer See

Campingplatz Gräbendorfer See – ohne Sandstrand, dafür herrlich ruhig.

Camping an den „neuen Seen“

„Ich lasse hier nur 40 Leute rauf, es will ja keiner in die Natur fahren und dann wie die Sardinen stehen“, sagt Campingplatz-Besitzer Uwe, der hier zufrieden seit ein paar Jahren (mit weiser Vorausschau) das kleine Idyll aufgebaut hat. Politisch, das wird schnell klar, schwimmen wir nicht auf einer Welle, das hindert uns aber nicht daran, eine nette Unterhaltung beim Bier im hübschen Surferstyle-dekorierten Café zu haben. Miteinander ins Gespräch kommen, das ist genau das, was in diesen Tagen so wichtig ist.
Im Winter ist er froh, hier die Ruhe zu genießen, ganz Eigenbrötlerisch, erzählt Uwe, und in mir regt sich endloser Neid.

Campingplatz Gräbendorfer See

Aus zwei Containern selbst gebaut: Das superhübsche Herzstück des Campinplatzes, Chillecke, Café und Rezeption in einem.

Chillecke Campingplatz Gräbendorfer See

Ein Händchen für Dekoration: Drinnen sieht’s genauso gemütlich aus.

Am Stellplatz müssen wir noch ein bisschen umparken, denn unser Stromkabel ist ein bisschen zu kurz. Zur Not können wir natürlich auch ohne stehen, aber da wir eine sehr kalte Nacht erwarten, würden wir gerne notfalls die Standheizung anmachen können. Und ohne Strom zieht die eventuell zuviel Akku. Doch dann passt alles, das Wetter ist perfekt, der Sonnenuntergang schön und gegenüber kreischen die Großmöwen, die sich auf der kleinen Insel mitten im See angesiedelt haben, der nun Naturschutzgebiet ist.
Der Gräbendorfer See ist, wie eigentlich alle Seen in dieser Gegend, ein ehemaliger Tagebau. Fertig geflutet gehört er zu den kleinen Perlen mit einer fantastischen Wasserqualität.

Bulli-Stellplatz am Gräbendorfer See

Bulli-Stellplatz am Gräbendorfer See

In der Niederlausitz gibt es viele dieser neuen Campingplätze, wo sich noch keine uralten Stamm-Camper niedergelassen und ihre Gartenzäunchen hochgezogen haben, die für mich jeden Campingplatz unerträglich machen. Viele dieser hübschen Stellplätze findet man auch weiter südlich an vielen anderen Seen, zum Beispiel am Partwitzer oder Geierswalder See.

Doch wir wollten auf dieser Tour auch mal etwas Neues probieren: das Konzept Landvergnügen. Ich finde es nicht nur ganz großartig, es führt uns außerdem an ganz wunderbare, überraschende Orte, die wir sonst nicht auf dem Zettel gehabt hätten.

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„Landvergnügen“: Stellplatz beim Landwirt

Die Idee ist einfach: Stellplatz gegen Einkauf im Hofladen. Landwirte und Hofbesitzer:innen stellen den Platz und ggf. ein Klo zur Verfügung, dafür kauft man dann im Hofladen ein. Die Adressen bekommt man gegen eine Gebühr bei Landvergnügen, ein dicker Katalog wird mitgeliefert inklusive der Plakette, damit man mitmachen darf. Die Gebühr beträgt 35 Euro und gilt für ein Jahr, dann wird auch ein neuer Katalog produziert. Passend dazu gibt es eine App, ich gebe allerdings zu, die haben wir nicht genutzt, sondern den Katalog mitgenommen. Brandenburg und Internet, man kennt das ja…
Reservieren kann man eher nicht, sondern soll lieber am gleichen Tag anrufen und nachfragen – perfekt, denn ich habe ohnehin keine Lust auf lange Vorplanung. Also schauen wir am Nachmittag, wohin es uns verschlägt. Wir haben Glück und der Landwirt vom Ziegenhof sagt uns sofort zu.

Stellplatz auf einem Ziegenhof

Landleben auf einem Ziegenhof

Der Hof liegt weit im Südosten der Niederlausitz in einem winzigen Ort, in den wir sonst sicher nicht gefahren wären. Ich decke mich mit Eierlikör (aus Ziegenmilch!), Eiern und Ziegenkäse ein, yummi. Wer par tout keine Lust hat einzukaufen, sollte für die Nutzung einfach ein paar Euro dalassen – fair ist fair.

Bauernhaus

Beim Bauern einen Stellplatz – so ist das Konzept von „Landvergnügen“

Auf dem Ziegenhof.

Auf dem Ziegenhof.

Ziegenmilch-Eierlikör

Einmal Ziegenmilch-Eierlikörchen bitte – ups, schon fast leer.

Sein ganzes Leben ist er schon hier, erzählt uns der Hausherr, einst hat dieser Hof seiner Mutter gehört – beeindruckend und für mich erschreckend zugleich. Andere Lebenswelten, nur knapp zwei Stunden von Berlin entfernt. Als wir vorsichtige Fragen stellen, taut unser Gastgeber auf und zeigt uns bereitwillig seinen Hof. Ja, der Likör und den Käse, das mache er alles selbst. Die Ziegen kommen nachts in den Schuppen, wegen der Wölfe. „Kommen die hierher?“ frage ich. „Ja, regelmäßig, da hinten am Zaun schleicht er lang. Also gegen die Wölfe sollte man wirklich etwas tun“, sagt er. Meine Frage, warum man da was tun müsse, wenn doch noch keine Ziege gerissen wurde, wird nicht beantwortet.
Im Stall trauen wir unseren Augen kaum: Bestimmt ein Dutzend Schwalben flattert hier aus dem kleinen Stallfenster herein und heraus, ein Geschwirre und Geflattere, so schnell, ich kann sie kaum zählen. Stolz zeigt der Hausherr uns die vielen Schwalbennester. „Die haben ja häufig keine Nistplätze mehr. Früher waren die überall in den Ställen, aber viele mögen das nicht. Die machen ja überall hin. Aber hier dürfen sie noch rein.“
Landleben.

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Bulli auf der Wiese

Perfekter Stellplatz in der Abendsonne.

Ziegenwiese aus dem Bullifenster

Und am Morgen erstmal den Ziegen ein Hallo zuwinken.

Von Schutzgebieten und Abbruchkanten: Altdöberner See, Pritzen, Wanninchen

Am Morgen holen wir unsere Karte raus und überlegen, wohin es uns verschlagen soll. Zum Tagebau Welzow will ich fahren, und ins Seengebiet, da kenne ich noch viel zu wenig.

Wir fahren nach Pritzen, das auf einer Landzunge liegt, die in den Altdöberner See hineinragt. Auch diese Zunge entstand durch den Drehpunkt des Tagebaus. Der Ort sollte wie viele andere verschwinden und war bereits bis auf einen Bewohner verlassen, als der Tagebau kurzfristig eingestellt wurde.
Das passierte nicht zum ersten Mal, und so lässt sich noch heute in der Niederlausitz der ein oder andere kleine verlassene Ort entdecken.

Verlassener Ort in der Lausitz.

Verlassener Ort in der Lausitz.

Die Gegend war früher meist eine recht kleinteilige Landwirtschaft. Wo nicht weggebaggert wurde, stehen alte Höfe und Streuobstwiesen. Und zwischendurch viele neue Seen.

In Pritzen haben sich mittlerweile wieder Menschen angesiedelt, die alten Häuser zurückerobert oder restauriert. Es ist nicht nur sehr ruhig, denn es gibt ja keine Durchgangsstraße, sondern auch wahnsinnig hübsch: Richtung Wasser gibt es einen fantastischen Blick über den Altdöberner See, denn man steht auf einer Hochebene. Wer auf Google Maps schaut, kann den typischen Baggerweg des Tagebaus anhand der Seeform entdecken.

Altdöberner See

Der Altdöberner See bei Pritzen.

Der Altdöberner See ist noch nicht freigegeben, so wie einige der neuen Seen. Das Problem ist in der Regel die Seite, wo der Abraum des Tagebaus aufgeschüttet wurde. Der Boden muss dann erst einmal verdichtet werden, damit man nicht in Bodenlöchern und Sanderosionen versinkt. Dafür zuständig ist je nach nachdem, wann der Tagebau eingestellt wurde, entweder die LMBV, die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, die die heutigen Hinterlassenschaften der älteren Tagebau verwaltet und saniert, oder die LEAG, die Lausitz Energie AG, ein heute tschechisches Unternehmen und Deutschlands zweitgrößter Stromerzeuger mit den aktiven Tagebauen in der Lausitz.
Bereits vor jedem Start eines neuen Tagebaugebietes muss das zuständige Unternehmen einen Folgeplan für die Nachnutzung einreichen, die durchaus verschieden ist.

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Naturreservat Wanninchen

Im nahegelegenen Wanninchen zum Beispiel, ein von Heinz Sielmann erworbenes Gebiet, werden die Restlöcher ebenfalls geflutet, Teile des Gebietes sind jedoch Naturreservat und werden weitgehend in Ruhe gelassen.

Tagebausee Brandenburg

Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen. Der Tierliebhaber hatte diese Brachflächen, die die Natur bereits zurückeroberte, einst gekauft, um sie zu schützen.

Einige Arbeiten sind dennoch nötig, zum Beispiel das Kalken des Wassers, um das Wasser zu neutralisieren, das durch das aus dem Boden geschwemmte und oxidierte Eisen einen sauren PH-Wert hat. Jede Stelle, jeder Boden ist anders, für jeden gibt es einzelne Prüfungen. Und es muss diskutiert werden: Muss auch im Naturschutzgebiet verdichtet werden? Was, wenn ein Kind sich – unerlaubt – an die Wasserkante begibt und einbricht?

Die vielen Schilder, die überall in der Lausitz herumstehen mit „Betreten verboten“ oder „Lebensgefahr“ sind daher durchaus sehr ernst zu nehmen.

Gefahrensschild

Auch das ist typisch in einer Tagebaufolgelandschaft: Die Gefahr von Bodenabbrüchen und Senkungen durch nicht korrekt verschlossene Erdlöcher.

Wanninchen hat sich mittlerweile zu einem kleinen Naturschutzparadies gemausert. „Ein Segen“, nennt der Ranger den Tagebau zu meiner Überraschung. „Während hier nach der Stillegung in den 70er Jahren nichts mehr geschah, wurden die Böden rundherum mit Nitrat verseucht.“ Ich bin skeptisch bei dieser Betrachtungsweise. Manche Vereinfachung der Darstellung löst sich allerdings im weiteren Gespräch auf. Man muss sich hier klarmachen: Die Menschen wollen, dass Besucher:innen beide Seiten sehen. „Alles ist politisch“ – der alte Kampfspruch gehört hier zum selbstverständlichen Leben.

Naturreservat Wanninchen

Kranich-Einflug im Naturreservat Wanninchen am Schlabendorfer See.

Auf Rangertouren in Wanninchen kann man übrigens viel über die Region erfahren. Ein Highlight jedes Jahr im Herbst ist der Einflug der Kraniche, den man ganz einfach vom Parkzentrum selbst erleben kann, von hier hat man einen wunderbaren Blick über den Schlabendorfer See. → Infos zu den Terminen für Kranichbeobachtung

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Das neue Leben in Pritzen

In Pritzen gibt es nun außerdem ein neues Problem: Die schon in viel Arbeit erstellte Wasserkante muss erneut verlegt werden, denn die geplante Wasserkante ist zu hoch. Neue Berechnungen haben ergeben, dass sich das Wasser, würde der See so hoch gefüllt werden, auf der anderen Seite bis in den Ort durchdrücken würde. Man lernt eben immer wieder dazu, zu Tagebaufolgelandschaften gibt es wenig Erfahrungswerte.

Umso spannender zu sehen, wie sich die Natur Gebiete zurück erobert, die während des Tagebaus aussehen wie die Wüsten in Chile. Man muss sich sicherlich nichts vormachen: Bis hier große, gesunde Bäume wachsen, wird es ewig dauern. Nur: Die gab es auch vorher schon nicht mehr.

Am Pritzener Bürgerhaus wird gerade der Maibaum abgebaut, eine Gemeinschaftsarbeit der Dorfbewohner. Zu fünft wird angepackt, ein Traktor hilft. Ein paar Bewohnerinnen schauen interessiert zu, wir stellen uns daneben und werden fröhlich begrüßt. Ob wir bei den Schmidts wohnen, werden wir interessiert beäugt.
„Nein, nur auf der Durchreise“, sage ich, was ein bisschen dusselig ist angesichts dessen, dass die Straße hier doch endet.
Beim weiteren Plausch erfahren wir, dass sich hier einmal im Jahr die Menschen aus den „verschwundenen Orten“ treffen, einfach zum Gedenken. Eine schöne Tradition.

fallender Maibaum

Der Maibaum in Pritzen wird mit 5 Mann „gefällt“.

Verschwundene Orte

Im Städtchen Forst an der Neiße gibt es eine Ausstellung zum Thema verschwundene Orte, und an einigen Stellen in der Lausitz findet man Mahnmale, zum Beispiel entlang des geplanten „Cottbuser Ostsee“, dem ehemaligen Tagebau Cottbus-Nord, dessen Flutung aufgrund der Dürre gestoppt wurde. Er soll einst der größte künstliche See Deutschlands werden, doch ob das Projekt überhaupt realisiert werden kann, ist fraglich: der Klimawandel kommt dazwischen.

Eine Fahrradtour um „den Ostsee“ ist dennoch empfehlenswert und bietet skurrile Ausblicke auf einen trockenen Traum.

Schiff Mia am Ostsee, Cottbus

Schiff Mia wird am geplanten „Ostsee“ bei Cottbus wohl noch lange auf dem Trockenen liegen.

Renaissance in Altdöbern

Anschließend machen wir noch einen Abstecher nach Altdöbern. Dort steht ein imposantes und etwas bunt zusammengemixtes Renaissance-Schloss, das mehrfach umgebaut und erweitert wurde. Ursprünglich wurde es auf Eichenpfählen gebaut, üblich für diese Gegend, deren Untergrund sehr sumpfig war. Durch die Absenkung des Grundwasserspiegels durch den Tagebau und den Kontakt mit Sauerstoff drohten die Pfähle zu verfaulen, es folgte eine aufwendige und umfassende Restaurierung, bei der das Schloss auf eine Betonplatte gesetzt wurde.

Das Renaissance-Schloss Altdöbern.

Das Renaissance-Schloss Altdöbern.

Heute steht das Schloss leer, es wird ein Käufer mit Nachnutzungskonzept gesucht. Der Schlosspark ist gratis zu besichtigen. Ein großer See befindet sich mitten im Schlosspark, außerdem ist der Renaissancegarten erhalten und in der Orangerie befindet sich ein Café.

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Orangerie Altdöbern

In der Orangerie befindet sich heute ein Café.

Industriekultur Niederlausitz: Tagebautour Welzow, F60, Kraftwerk Plessa

Ja, Ihr merkt es, ich habe mich ein bisschen mit dem Tagebau beschäftigt. Das entstand natürlich zuerst auch durch die Auseinandersetzung damit, wie dreckig das Kohlegeschäft ist. Doch Braunkohletagebau ist so viel mehr als das viel zu viel CO2, dass mit der Braunkohle in die Luft gepustet wird, und das wird in der Niederlausitz ziemlich schnell klar.
Wie wird zum Beispiel verhindert, dass in der kompletten Umgebung der Grundwasserspiegel abgesenkt wird, denn das ist ja für den Tagebau notwendig? Wie wird denn der Boden für die Nachnutzung vorbereitet, und welche Arbeiten müssen da gemacht werden?

Tour in den aktiven Tagebau Welzow Süd

Das alles kann man hervorragend bei einer Tour durch den aktiven Tagebau Welzow Süd erfahren, die der Verein Excursio anbietet.

Tagebau Welzow Süd

Der riesige Bagger im Tagebau Welzow Süd wird gerade einmal von 2 Leuten betrieben.

Spannend ist es, hier mit Leuten zu sprechen, die mit der Braunkohle aufgewachsen sind. Traurig ist es allemal, dass so wenige engagierte Menschen hierher kommen, um mit den Mitarbeiter:innen zu sprechen. Niemand will das CO2, auch den Kohlekumpel ist doch klar, dass das mit dem CO2 echter Mist ist. Sehr schade, dass man da nicht schon vor 10 Jahren ein vernünftiges Ausstiegskonzept gemeinsam entwickelt hat, denn vor Ort bei den Leuten gab und gibt es durchaus Konzepte, die intern entwickelt wurden, die man schon vor Jahren hätte angehen können, dann wäre man gemeinsam, ohne die Wut der Bürger, schon sehr viel weiter. So viele verpasste Chancen. Wenn so eine ‚linksgrünversiffte‘ Braut wie ich es schafft, vor Ort Gespräche zu führen, wieso schafft die Politik das nicht?

Im Tagebau Welzow werden jedenfalls verschiedene Touren angeboten und ja, man ist tatsächlich mitten drin in der sehr skurril anmutenden „Landschaft“, die ihre ganz eigene morbide Schönheit ausstrahlt.

Tagebau Welzow

Erinnerte mich extrem an die Landschaften in Chile.

Unfassbar auch diese absolut riesigen Maschinen, die von 1-2 Menschen gesteuert werden. Unglaublich die Tiefe des Lochs, das da entsteht.

Braunkohletagebau Welzow

Braunkohletagebau in Welzow Süd

Und da hier alles direkt beieinander ist, kann man hinterher sich gleich verschiedene Folgelandschaften anschauen und wundert sich, wo denn die Löcher geblieben sind und kommt dann auch gleich ins Gespräch, wie teils aufwendig die Landschaft hinterher saniert wird. Ich will Tagebau wirklich nicht schönreden, doch ich habe durchaus Respekt vor der Arbeit, die hier geleistet, und das Wissen, das hier angehäuft wird.

Tagebau-Folgelandschaft Wiese Brandenburg

Ebenfalls in Welzow: Die wiederzugeschüttete Tagebaufolgelandschaft.

Daher: Fahrt hin! Es ist wahnsinnig interessant und eine geniale Möglichkeit für Fotos. Unterstützt Ihr damit den Braunkohletagebau? Nein. Der Verein agiert finanziell unabhängig. Ihr finanziert somit nur die Arbeit des Vereins, den ich als sehr gute Anlaufstelle für Informationen und gegenseitigen Austausch begreife.

Im Tagebau Welzow.

Im Tagebau Welzow.

Ein guter Ausgangspunkt für eine eigene Tour rund um den Tagebau herum ist das Gutshaus Geisendorf, Überbleibsel eines ebenso verschwundenen Ortes, der dem Tagebau weichen musste, die Einwohner:innen wurden ins naheliegende Neupetershain umgesiedelt. Heute ist das Gutshaus Kulturforum der Lausitzer Braunkohle mit Ausstellungen zum Tagebau und der Rekultivierung der Folgelandschaft. Im schönen Garten kann man sich außerdem gut auf ein Bierchen niederlassen und direkt hinter dem Gutshaus den wieder zugeschütteten Tagebau mit den Rekultivierungsmaßnahmen anschauen (Samstags geschlossen, bitte Öffnungszeiten checken!).

GutshausGeisendorf

Gutshaus Geisendorf: Direkt hinter dem Gutshaus wurde einst die Kohle abgebaut.

Die öffentlich zugänglichen Aussichtspunkte, die auf den aktiven Tagebau verweisen, sind allerdings nicht mehr sehr spannend, denn die Maschinen sind längst weitergezogen. Wer also wirklich IN den Tagebau schauen und Maschinen sehen möchte, muss derzeit eine Tour buchen.

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Ausflug auf die Förderbrücke F60

Schon im ersten Artikel über den Brandenbulli habe ich Euch von der Förderbrücke F60 erzählt. Die F60 ist ein Förderband für den Abraum, der aus den Tagebaulöchern herausgeholt wird, und steht direkt am Berghaider See. Dieses Förderband war nur sehr kurz in Betrieb, wurde Anfang der 90er stillgelegt und kann heute nicht nur besichtigt, sondern auch bestiegen werden – ein sehr spannendes Erlebnis, nur nix für Weicheier, denn es geht 75 Meter in die Höhe. Da musste ich mit meiner Höhenangst schon arg kämpfen.

Förderbrücke F60 in Brandenburg

75 Meter über Boden: Die Förderbrücke F60

TIPP: Wer schon hier ist, sollte sich das direkt nebenan gelegene Landschaftsgebiet Grünhaus nicht entgehen lassen, eine gerade für die Öffentlichkeit freigegebene Tagebaufolgelandschaft, um die sich der NABU kümmert. Auf verschiedenen kurzweiligen Spaziergängen kann die Landschaft erkundet werden, der NABU hat hier außerdem Informationsschilder aufgestellt. Mehr habe ich darüber im letzten Brandenbulli-Artikel geschrieben.

Bergbaufolgelandschaft Grünhaus.

Tagebaufolgelandschaft Grünhaus.

Geheimtipp Kraftwerk Plessa #lostplace

Es ist ein heißer Tag, als wir spontan zum Kraftwerk Plessa fahren, ganz im Süden Brandenburgs.

ehemaliges Braunkohlekraftwerk Plessa

Kraftwerk Plessa: ein unterschätzter Lost Place

Irgendwo habe ich gelesen, dass das älteste Braunkohlekraftwerk Europas – stillgelegt 1992 – zu besichtigen ist. Und tatsächlich, die nette Dame im Eingang kassiert nicht nur den Eintritt, sondern übernimmt auch höchstselbst die circa zweistündige Führung, denn sie hat hier einst als Ingenieurin gearbeitet.
Für eventuelle weitere Besucher:innen wird einfach ein Zettel angehängt. Es könnte also sein, dass man gegebenenfalls etwas länger warten muss.

Das alte Kraftwerk wurde kaum abgesichert, und so können wir durch die alten und original erhaltenen Gänge und Maschinen klettern und hören uns derweil alte Geschichten an, zum Beispiel, wie heimlich die Frühstücksbrote auf den Schaufeln mit der Kohle transportiert wurden, weil die Mitarbeiter keine Lust hatten, ganz nach unten zu steigen. So beeindruckend die Geschichten der Mitarbeiterin, so imposant auch die ganze Fabrik.

Der alte Schaltraum im Kraftwerk Plessa.

Der alte Schaltraum im Kraftwerk Plessa.

Kraftwerk-Plessa

Im Kraftwerk Plessa.

Das Kraftwerk Plessa ist sicherlich ein Highlight der Industriekultur und auf jeden Fall einen Besuch wert. Volles Haus braucht Ihr hier nicht zu befürchten, denn die Coolness dieses Ortes hat sich einfach noch nicht herumgesprochen, ist also tatsächlich noch ein Geheimtipp. Und ja, bitte tragt diesen Tipp weiter, denn es ist immer zu befürchten, dass solche tollen Orte geschlossen werden, wenn zu wenig Interesse daran besteht. Mein Interesse ist deshalb, aus dem Geheimtipp einen bekannten Ort zu machen.

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Abstecher Pomologischer Schau- und Lehrgarten Döllingen

Nicht weit entfernt von Plessa befindet sich übrigens der Pomologische Schau- und Lehrgarten Döllingen, in dem man ein bisschen spazieren und sich über viele verschiedene Apfel- und Birnensorten und allerlei andere Obstgewächse informieren kann, die hier angebaut werden. Der Eintritt ist gratis.

Bei meinem Besuch werde ich sehr freundlich von einem Angestellten herumgeführt. Ein bisschen traurig sei er, erzählte er mir, dass hier immer der Rasen gemäht werde, alles fein sauber für die Besucher:innen, obwohl doch klar sei, dass das gar nicht gut für die Umwelt sei. Besser und auch schöner wären doch Wildblumenwiesen. Heftig nickend stimme ich ihm zu.

Pomologischer Schaugarten Döllingen

Der Pomologischer Schau- und Lehrgarten Döllingen

Es sieht so aus, als würden hier recht viele Leute arbeiten, bestimmt 8-10 Leute sehe ich emsig bei der Arbeit. Das wirke nur so, winkt er ab, also ja, die würden hier schon alle arbeiten, aber volle Stellen hätten sie nur zwei. Dann gäbe es da noch die beiden, die für 100 Euro jeden Vormittag kommen. Und dann gäbe es noch diejenigen, die hier für 1 Euro die Stunde arbeiten. Kreative Lösungen, um den Mindestlohn zu umgehen, wird es wohl immer geben. Bezahlt werden die Leute übrigens vom Landesamt für Umwelt…

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Das Seenland der Lausitz

Das Seenland, das derzeit in der Lausitz entsteht, erstreckt sich über die brandenburgisch-sächsische Grenze und umfasst unzählige große und kleine Seen, die sich zum Teil noch in der Flutung befinden. Ist diese beendet – das wird voraussichtlich in circa zwei Jahren der Fall sein – werden die Seen durch Kanäle miteinander verbunden und es entsteht ein riesiges Seengebiet. Ich hoffe, ich werde die Erste sein, die hier die Seenlandschaft mit einem Hausboot erkundet.

Eher weniger mitgemeint beim „Lausitzer Seenland“ sind übrigens die weiter nördlich gelegenen Seen wie der Gräbendorfer See, der Schlabendorfer See usw. Dort gilt es, die schönen Ecken auf eigene Faust zu entdecken, allerdings sind hier die meisten zum Baden nicht zugelassen.

Partwitzer See

Das „neue“ Lausitzer Seenland besteht aus vielen großen und kleinen Seen, alle entstanden durch den Tagebau und künftig durch Kanäle miteinander verbunden.

Die meisten großen Seen sind derzeit bereits zur Nutzung freigegeben oder teilweise freigegeben. Auch das ist in the flow und wer hier Urlaub machen möchte, sollte sich unbedingt vorher im Netz oder beim örtlichen Touristenbüro erkunden (Adressen im Abschnitt TTT – TierischeTouriTipps).

Campingplätze sprießen hier aus dem Boden, und je neuer sie sind, umso schöner, finde ich, weil sie völlig ungezwungene Stellplätze sind.

Großräschener See

Erstaunlicherweise ist es leer an diesem Pfingstwochenende, obwohl strahlendes Sonnenwetter herrscht. Das wird wohl an dem noch fehlenden Bootsverkehr liegen, und trotz der IBA-Terrassen fehlen mir ein paar gemütliche Sitzgelegenheiten.
Dennoch: Der See ist in seiner Ruhe hübsch und lädt zum Flanieren und Radfahren ein.

Hafen Großräschener See

Der Hafen des Großräschener Sees liegt noch ungenutzt da – einzig das Ausflugsboot wartet auf Gäste.

In den Jahren 2000 bis 2010 begann mit dem Großräschener See die Internationale Bauaustellung (IBA) mit der „Werkstatt für neue Landschaften“ für ein Konzept für das künftige Seengebiet der Lausitz. 2019 hat der See nun seinen endgültigen Pegelstand erreicht und damit wird er – vorsichtig – freigegeben. Die Marina kann vermutlich ab 2020 von Booten genutzt werden. Der Ilse-Kanal wird den Großräschener See mit dem Sedlitzer See verbinden, sobald dieser ebenfalls seinen endgültigen Wasserstand erreicht hat.

Am Hang des Sees wird Wein angebaut, der in der Gegend auch gekauft werden kann, um den See herum führen gut ausgebaute Fahrradwege.

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Seebrücke Großräschener See

Die Seebrücke steht nun endlich im Wasser.

Senftenberger See

Der Senftenberger See ist schon lange beliebtes Ausflugsziel in der Region, touristisch sehr erschlossen und im Sommer recht voll. Hier gibt es verschiedene Marinas, viele Cafés- Restaurants und diverse Badestrände. Ich gebe zu, mir war es sowohl im Norden wie im Süden am Hafencamp am Wochenende etwas zu voll, für Familien ist es sicher perfekt.

Wer auf den gut ausgebauten Wegen den Senftenberger See einmal umrundet, findet allerdings viele tolle kleine Badestellen. Aber auch hier gilt: Vorher in Senftenberg einfach kurz in der Touristeninfo erfragen, ob evtl. ein Weg gesperrt ist. Und natürlich kann man hier vom Stand-Up-Paddling bis zum Wasserski diversen Wassersportarten frönen.

Senftenberger See

Der große Hafen im Norden des Senftenberger Sees.

Koschener See / Sedlitzer See

Eine tolle Aussicht auf den Sedlitzer See hat man vom Aussichtsturm „Rostiger Nagel“, der auch so aussieht. Von hier schaut Ihr über den Koschener See, der mittlerweile eins wird mit dem Sedlitzer See. Die Seen sind noch gesperrt, hier ist es ruhig und still und der etwas abgelegene Rostige Nagel ist auch bei gutem Wetter nicht überlaufen.

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Landmarke Rostiger Nagel

Landmarke Rostiger Nagel.

Sedlitzer See

Aussicht vom Rostigen Nagel auf den Sedlitzer See.

Partwitzer und Geierswalder See

Die beiden Seen östlich von Senftenberg liegen zum Teil schon in Sachsen, denn die Grenze macht hier einen Knick nach Norden. Auch am Partwitzer See kann man gut den Drehpunkt des ehemaligen Tagebaus erkennen, und die Halbinsel besteht heute aus wunderbaren kleinen, begrünten Buchten zum Schwimmen.

Partwitzer See in Brandenburg

Lange Sandstränge und Buchten am Partwitzer See

Überhaupt ist der Partwitzer See – derzeit – mit einer fantastischen Wasserfarbe gesegnet, das kommt durch die Kalkung des Wassers. Der Geierswalder See hingegen hat eher eine rostrote Farbe, was dem Eisenoxyd geschuldet ist, das zwar auf Menschen keine Auswirkungen hat, allerdings auf Fauna und Flora.

Partwitzer See

Die fantastisch schöne Wasserfarbe ist der Kalkung des Sees geschuldet – sie wird irgendwann verschwinden.

Die sächsische Seite dieser beiden Seen ist derzeit mein persönlicher Urlaubsfavorit, denn es geht gemütlich und freundlich zu, die Campingplätze sind einfach, die Badestrände auch an Sommertagen nicht überfüllt und wer keine Lust auf Camping hat, findet hier die schönsten Unterkünfte, zum Beispiel das schwimmende Haus auf dem Partwitzer See.

Schwimmendes Haus auf dem Partwitzer See

Schwimmendes Haus auf dem Partwitzer See

Hier saß ich vor einigen Wochen auf der schönen Veranda, und während sich die Sonne senkte, fielen mir wieder die Kommentare zu meinem Spiegel-Online-Artikel ein über Urlaub im Osten Deutschlands, in denen sich viele äußerten, in den Osten könne man ja nicht mehr fahren, denn da seien ja nur Nazis.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, bin mal wieder wütend geworden über dieses Ostbashing mit hässlichem Rebound-Effekt von blasierten Leuten, die vermutlich noch nie hier waren, und dann auf Twitter gepostet:

Aussichten: Heiter bis sonnig mit rosa Brille. Gibt’s sogar in Sachsen. #Lausitz

Denn einfache Weltansichten, das können die Nazis. Wer die grauen Zwischentöne sieht, kann auch rosa. Auch hier, in der Lausitz.

Lausitz auf Twitter

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TTT – TierischeTouriTipps

Inspiration:

  • Unter dem Hashtag #LausitzerSeenland findet Ihr viele Tipps für Euren Trip. Bitte nicht verwechseln mit #MeinSeenland. Letzteres ist eine Kampagne der Seengebiete Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns, dort geht es also um die Seen im Norden, von Berlin aus gesehen.
  • Die Facebookseite vom Lausitzer Seenland ist ebenso empfehlenswert wie die Webseite, hier findet man viele Infos zu den einzelnen Seen, Fahrradkarten und zum Beispiel zur Lausitzer Route der Industriekultur. (Nein, ich bin nicht gesponsert, ich recherchiere einfach selbst auf diesen Seiten und finde sie sehr gelungen.)
  • Auf Instagram einfach mal beim Hashtag #Lausitz durchscrollen. Leider nehmen diese schrecklichen Selfie-Modechicks auch bei solchen Hashtags zu (wtf), aber ich habe dennoch schon einige interessante kleine Orte gefunden.

Wichtig!

Wer nicht mit dem Auto, sondern mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist, checkt bitte auf jeden Fall die Webseite des Lausitzer Seenlandes oder fragt bei der Touristeninformation in Senftenberg an. Wie oben erwähnt müssen immer mal wieder Strecken gesperrt werden, und alle Stellen bemühen sich um Kommunikation, es passiert jedoch immer mal wieder, dass noch keine Schilder aufgestellt sind. Bevor Ihr da einen 20 km Umweg fahren müsst, erkundigt Euch bitte vorher.

Camping:

Bitte genau diese drei Tipps mitnehmen:

  1. Sich bei Landvergnügen registrieren und auf Höfen in der Gegend übernachten. Meine bevorzugte Variante, weil man unbekanntes Terrain erkundet und persönlichen Kontakt bekommt.
  2. Die vielen kleinen Stellplätze rund um die „neuen“ Seen. Es gibt auch suboptimale, das sieht man ja vor Ort. Besonders gefallen haben mir der Campingplatz am Gräbendorfer See und die Stellplätze im Osten des Partwitzer Sees in Elsterheide, auch wenn (oder gerade weil) hier keine große Infrastruktur geboten wird. Achtung, es gibt wenige Toiletten.
  3. Die App Park4night nutzen und gucken, wo man sich einfach so hinstellen kann. Wenn man kein eigenes Klo hat, wird das evtl. schwierig, zudem ist man hier eher auf Parkplätzen unterwegs und nicht an schönen Seen. Meiner Ansicht nach eher was für den Notfall.
Urlaub-im-Bulli

Manchmal findet man auch spontan kleine tolle, freie Stehplätze wie diesen hier.

Einmieten

Wer keine Lust hat, nur im Bulli oder Zelt zu übernachten und es sich mal richtig gut gehen lassen will:

Ferienhof Welz in Neupetershain

Ferienhof Welz in Neupetershain

  • Die schwimmenden Häuser im Lausitz Resort (Affiliate-Link) bzw. lieber die Häuser oberhalb davon auf dem Land, denn von hier hat man eigentlich die viel schönere Aussicht (möglichst das Haus ganz rechts buchen, bei manchen anderen versperren mittlerweile Bäume die Sicht auf das Wasser).
Schwimmende Häuser im Lausitz-Resort

Die schwimmenden Häuser beim Geierswalder See.

  • Die Baumhäuser im Hafencamp im Süden des Senftenberger Sees. Super hübsch, allerdings, das muss man sagen, an einer doch recht belebten Stelle am Senftenberger See. Man sollte also nicht unbedingt lärmempfindlich sein.
Baumhäuser Senftenberger See

Baumhäuser im Hafencamp am Senftenberger See.

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Bulli-Tour-Tipps

Bulli-Anbieter gibt es viele in Berlin. Die Bullis von Rent-a-Bulli sind super gepflegt, man bekommt eine tolle Anleitung und hat Rundum-Service, falls etwas passiert.

Unser T3 verbrauchte circa 8-9 Liter, was ich für so ein Ding ziemlich großartig finde. Wer so ein Ding übrig hat und verkaufen möchte, gerne PN. ;)

Bulli in Brandenburg

Packen für eine Bullitour

Dieses Mal habe ich wesentlich besser gepackt als die Male davor. Obwohl ich bei meinen Alleinereisen immer gut organisiert bin, artet die Packerei mit dem Mann irgendwie immer in Chaos aus, weil wir meistens super hektisch innerhalb der letzten Minuten packen. Das Problem dabei ist: Man nimmt einfach viel zu viel Krempel mit, und in einem doch recht übersichtlichen T3 ist es wirklich unschön, überall Zeugs rumliegen zu haben. Minimalismus will gut überlegt sein.
Besser auch nicht 1001 Lebensmittel mitnehmen, sondern auf Hofläden einkaufen und einen Grundstock vorbereiten, um kochen zu können, zum Beispiel Mehlmischung zum Brotbacken – ich hatte mir einem brandneuen Omnia (Affiliate-Link) gegönnt. Dazu später einmal mehr, wenn ich mehr Erfahrungen mit dem Ding gesammelt habe, bisher finde ich das Teil großartig, es ersetzt einen Ofen, man kann darin Pizza darin machen, Aufläufe und Kuchen und endlich morgens die Brötchen.

Omnia-Ofen

Der Omnia – derzeit heiß begehrt unter Van-Menschen.

Nicht vergessen:

  • Lieblingstassen und -Teller, evtl. Kochtopf und Pfanne: Ja, ich bin da picky und das Geschirr in den Leihbullis gefällt mir häufig nicht. Dieses Mal war allerdings sehr großzügig Geschirr vorhanden.
  • Scharfes Messer: Nehme ich immer mit, wenn wir ein Ferienhaus oder Bulli mieten.
  • Öko-Spülmittel, Spülschwamm, Küchentuch: Bei Rent-A-Bulli war alles Nötige vorhanden, das ist aber nicht bei jedem Anbieter der Fall.
  • Ohrenstöpsel! Ganz wichtig, falls die Nachbarn mal laut sind (oder der Mann sägt)!
  • Packbeutel oder ganz einfach Jutebeutel und einige Klammern. In den meisten Bullis gibt es eher wenige und dafür große Fächer, man schmeißt also verschiedene Sachen zusammen. Da ist es extrem praktisch, wenn man diese in Packbeuteln sortieren kann. Auch für dreckige Wäsche ist ein Extra-Beutel sinnvoll, sowie zum Aufhängen an vorhandenen Haken, wenn der Platz in den Fächern mal nicht reicht oder etwas schnell erreichbar sein soll. Auch auf dem Campingplatz sind Packbeutel super, um die eigenen Sachen beim Duschen aufzuhängen und nicht auf dem Boden liegen lassen zu müssen. Daher: Immer Packbeutel dabei haben!
  • Notfallkit: Natürlich gehört zur Autoausrüstung immer ein Erste-Hilfe-Kasten. Ein eigenes Reisekit mit diversen Medikamenten ist zusätzlich sinnvoll. Meins ist praktisch und klein und ich habe es immer dabei.
  • Tuch zum Umwickeln, Abtrocknen, als Picknickdecke, als Schal oder als Fensterscheibenverdunkler. Perfekt dafür ist mein Hamam-Tuch aus Bio-Baumwolle (Affiliate-Link).
Bulli T3 Westphalia

Und dann sieht es auch am Ende noch so ordentlich aus wie hier – auch dem Stauraum des Westfalia-Ausbaus sei Dank.

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