Auf einem stillgelegten Bahnhof im Schlafwagen übernachten – klingt spannend? Ist es auch. Seit kurzem gibt es im Fläming in Brandenburg nicht weit von Berlin ein Schlafwagen-Hotel auf stillgelegten Gleisen. Dazu perfekt passend: das großartige französisch-deutsche Restaurant im alten renovierten Bahnhof.

Bahnhof Rehagen in Brandenburg

Der stillgelegte Bahnhof Rehagen in Brandenburg

Der Bahnhof Rehagen in Brandenburg

Ein bisschen verrückt muss man wohl sein, um dieses Mammutprojekt zu verwirklichen.
Die alten Waggons, die heute das Schlafwagenhotel Rehagen beherbergen, standen ursprünglich nicht hier, Herr Boyer hat sie gekauft und in einer Riesenaktion mit Spezialkran vor Ort bringen lassen. Dann erfolgte der Ausbau, denn ursprünglich waren es reine Sitzwaggons. DDR-Retroschick lässt grüßen.

Ehemaliger DDR-Waggon

Viel des ursprünglichen Interieurs ist beim Ausbau zum Schlafwagen erhalten geblieben.

Mit dem Kauf des alten Bahnhofes Rehagen im brandenburgischen Fläming, der Eröffnung eines Restaurants mit gehobener Küche und der Realisierung eines Schlafwagenhotels an einem verlassenen Gleis mitten im Wald verwirklichten die Boyers einen Lebenstraum. Als ich dem sympathisch lächelnden Franzosen zur Begrüßung die Hand schüttele, versuche ich zu ergründen, ob der Erfolg Resultat eines guten Geschäftsmannes oder verrückten Spinners ist. Wie üblich liegt die Wahrheit wohl in der Mitte: Fünf Portionen Kreativität und Leidenschaft gehören zu diesem Projekt genauso dazu wie gutes Durchkalkulieren und jahrelanges Durchhalten.

Retro Charme im Bahnhof

Retro Charme im Bahnhof Rehagen

Alter Fahrkartenautomat Bahn

Ein alter Bahn-Fahrkartenautomat verziert den Eingang.

Das Restaurant im Bahnhof

Die Backsteine des Bahnhofsgebäudes sind gut erhaltenen, mehrere Giebel verzieren das riesige Haus. Das Interieur ist liebevoll zusammengestellt, einige alte Originalstücke ergänzen die Einrichtung. Im Restaurant bringen Tapeten und eine türkise Wand Frische ins Bild. Die Atmosphäre ist gemütlich und familiär, die kleine Tochter der beiden begrüßt die Gäste gerne persönlich, zur Erheiterung der Gäste.

Eingangshalle im Bahnhof

Eingangshalle im alten Bahnhof

Restaurant im Bahnhof Rehagen

Das Restaurant im Bahnhof

Gar nicht so einfach war es, die Leute hier von der guten Küche zu überzeugen, erzählt die aus Deutschland stammende Gattin. In Brandenburg hat man es eben immer noch gerne „günstig“, und das passt nicht immer zur Bio-Küche, die im Restaurant vorwiegend serviert wird. Doch als wir ins Restaurant gucken, ist dieses trotz des Regenwetters gut besetzt. So langsam hat sich herumgesprochen, dass sich hier ein außerordentlich gutes Restaurant angesiedelt hat. Der Einzugskreis der Gäste reicht mittlerweile bis nach Berlin.

Stillgelegte Gleise und ein Schlafwagen-Hotel

Hinten geht es hinaus auf den „Bahnsteig“ und die stillgelegten Gleise, bei schönem Wetter sitzen die Gäste vom Restaurant draußen, manchmal ist der halbe Bahnsteig besetzt, dann findet hier vermutlich wieder eine Hochzeit statt. Im Bahnhof Rehhagen kann geheiratet werden, das Angebot wird derzeit von so vielen Brandenburgern angenommen, dass man länger auf einen freien Termin warten muss. An das Ausrichten von Hochzeiten habe man gar nicht gedacht, erzählt Herr Boyer, bis die Brandenburger selbst nachgefragt hätten. Seit dem steht das Gesamt-Konzept auf festen Füßen, freut sich der Besitzer.

Schlafwagen Hotel Brandenburg

Unser Schlafwagen, in dem wir heute nächtigen werden.

Erst einmal muss ich die Kulisse bestaunen, die aussieht wie aus einer anderen Zeit. Sicher auch deshalb wurde hier eine Filmszene aus Monuments Men gedreht, bei dem ein Bahnhof des Pariser Vorortes „Le Bourget“ nachgestellt wurde. Der Schriftzug prangt immer noch auf der alten Brücke über den Gleisen.

Brücke mit Schriftzug Le Bourget

Die Brücke mit dem alten Schriftzug.

alter DDR-Waggon

Ein alter DDR-Waggon.

Oder ist es vielleicht anders herum, und die Tatsache, dass George Clooney auf diesen Gleisen gewandelt und einen Kunstbewahrer aus dem zweiten Weltkrieg gespielt hat, lässt mich in diese Zeit zurückversetzen?
Ich spaziere jedenfalls gleich einmal die Gleise entlang. Das könnte auch eine Szene aus „Stand By Me“ sein, denke ich, und summe die Melodie vor ich hin.

Kleiner Videodreh

Witzigerweise trage ich heute eine Mütze, die fast als Baskenmütze durchgehen könnte, und der Mann hat die Drohne dabei. Also dann, Film ab Rehagen:

Die vielen Gleise überraschen, tatsächlich gibt es hier sogar ein Abstellgleis, das zu einer uralten, halb verfallenen Scheune etwas abseits im Wald führt – eine Bahnwerkstatt. Die alte Scheune möchte er gerne ebenfalls herrichten, erzählt Herr Boyer, man merkt ihm die Begeisterung für diesen Ort an.

Am Abend schlemmen und dann ab in den Schlafwagen

Am Abend speisen wir sehr fürstlich im Bahnhof, ich bin vom Essen mehr als begeistert und hoffe, dass sich das Restaurant trotz der etwas höheren Preise halten kann. Die Menükarte gibt es übrigens online.

Creme de Brule

Creme de Brule – fast schon ein Muss im halb-französischen Restaurant, hmmmm.

Später machen wir es uns im Oversize-Bett gemütlich, während gegenüber der alte Bahnhof in hübschen Lichtern erstrahlt.

Schlafwaggon

Unser Schlafzimmer-Abteil für heute Nacht.

Für April ist es ungewöhnlich kalt, doch die Heizung tut netterweise ihre Dienste, außerdem gibt es warme Federbetten. Das Badezimmer ist winzig, aber sogar eine Dusche ist vorhanden.
Nachdem wir uns das Rattern der Gleise vorgestellt haben und überlegen, ob eine App mit entsprechendem Sound zusätzlichen Charme versprühen würde, schlummern wir ein – leider ohne Sonnenuntergang, das Wetter ist etwas bescheiden.

Bahnhof Rehagen bei Nacht

Bahnhof Rehagen bei Nacht

Ausgeruht freue wir uns am nächsten Morgen über ein deftiges Frühstück mit allerlei Köstlichkeiten aus Frankreich und der Region, besonders angetan hat es mir der Käse und die selbstgemachten Marmeladen. Frau Boyer bedient persönlich und ist überrascht, als die anderen Nachtgäste Ihr ein SZ-Magazin unter die Nase halten, in der das Schlafwagenhotel als besondere Übernachtungsmöglichkeit erwähnt wird. Sie freut sich sichtlich.

Deftiges Frühstück

Deftiges Frühstück und leckere selbstgemachte Marmelade im Bahnhof Rehagen.

Wir laufen noch ein bisschen an den Gleisen entlang und beschließen dann, uns noch ein wenig die Gegend anzuschauen, der Mellesee liegt direkt nebenan und lädt zu einem Spaziergang ein.

stillgelegtes, bewachsenes Gleis

Das alte Gleis führt zur ehemaligen Werkstatt. Heute bepflanzen die Boyers es mit Kräuterhügeln und Blumen.

Der Bahnhof Rehagen in Brandenburg

Der Bahnhof von der Seite mit dem Schlafwagen-Hotel links, rechts dem Bahnhofsgebäude und einer Hebeldraisine.

Als wir unsere Sachen zusammenpacken, kommt eine Fahrraddraisine vorbei. Die drei Insassen gucken neugierig auf unseren Schlafwagen, wir gucken neugierig auf die Draisine, kurzes Zuwinken und fix wird ein kurzer Tausch angeboten: Ich mal kurz auf der Draisine, dafür dürfen die drei sich den Schlafwaggon ansehen. Gegenseitige Begeisterung, lachen, Zuwinken, tschüss, bis zum nächsten Mal. So ist Brandenburg.

Fahrrad-Draisine

Draisinen fahren hier regelmäßig entlang. Grund ist die Erlebnisbahn Zossen, die diesen genialen Einfall für die Nutzung der stillgelegten Gleise hatte.

Schlafwagen-Hotel auf stillgelegten Gleisen

Der Bahnhof noch einmal vom zweiten Schlafwagen aus gesehen.

Beim nächsten Mal erzähle ich Euch von unserer Draisinenfahrt, das ist nämlich wirklich ein echtes Erlebnis und ich finde es wunderbar, dass auf diese Weise stilgelegten Gleisen und Bahnhöfen wieder neues Leben eingehaucht wird.

TTT – TierischeTouriTipps

  • Reservierung & Preise: Sowohl für eine Übernachtung als auch für einen Restaurantbesuch vorreservieren, Infos zu Preisen, Öffnungszeiten, Telefonnummer und Email finden sich auf der Webseite vom Bahnhof Rehagen. Das tolle Frühstück ist übrigens im Preis inbegriffen. Das Restaurant hat von Donnerstag bis Sonntag geöffnet.
  • Anfahrt: Wer nicht mit dem Auto kommt, fährt am besten über Zossen und dann mit dem Fahrrad weiter. Oder man kombiniert die Anfahrt mit einer Draisinentour, dann bitte mit der Erlebnisbahn Zossen absprechen, wie das am besten vonstatten geht, da ja jemand die Draisine dann von Rehagen abholen muss.
  • Unternehmen: Die erwähnte Draisinentour von Zossen sollte man unbedingt machen. Außerdem in der Nähe: Der Mellesee, der nicht irre hübsch ist aber eine kleine Strandpromenade besitzt. Etwas weiter entfernt bietet sich ein Besuch im Museumsdorf Baruther Glashütte an. Doch das ist noch eine andere Geschichte. Auch die verbotene Stadt Wünsdorf ist in der Nähe.

Disclaimer: Die Übernachtung erfolgte mit freundlicher Unterstützung von den Boyers, ganz herzlichen Dank dafür.