Wie nachhaltig sind eigentlich Schnittblumen?
Das grobe Fazit dieses Artikels habe ich bereits im Titel untergebracht; weil ich allerdings etwas gegen solche schwarz-weißen Plattitüden habe und es in Wirklichkeit ja ein wenig komplizierter ist, führe ich das heute mal etwas näher aus: Welche Schnittblumen sind nachhaltiger als andere, und woran liegt das eigentlich?

Nachdem ich vor Jahren mal einen Bericht über die ziemlich katastrophale Bilanz von Rosen gelesen habe, die in den meisten Fällen aus Kenia hierher transportiert werden und auch noch aus prekären Umgebungen stammen (sagt man das so?), habe ich das auf alle Schnittblumen gemünzt und fortan keine schönen Blumensträuße mehr in meine Wohnung geholt, obwohl ich ein riesiger Blumen-Fan bin.

Ein Licht ging mir erst auf, als ich im letzten Jahr zur Tulpenblüte in den Niederlanden war und mich mit einer Bio-Tulpenzüchterin unterhalten konnte. Und jetzt darf ich verkünden: Es gibt sie, die fairen Schnittblumen, die man auch ökologisch vertreten kann, und Tulpen sind da ganz weit vorne.

Wie nachhaltig sind Schnittblumen?

Schlechte Bilanz, gute Bilanz – Worauf kommt es an? Die Kriterien für Nachhaltigkeit.

Für den Aspekt der Nachhaltigkeit sind im Besonderen vier Kriterien ausschlaggebend:

  • Wasserverbrauch
  • Transportweg. Hier natürlich besonders schlecht: Der lange Transportweg mit dem Flugzeug Ausstoß von Co2
  • Arbeitsbedingungen vor Ort, also die Arbeitsstunden, Einsatz von Kinderarbeit oder nicht, soziale Absicherungen der Arbeiter und angemessene Lohnhöhe, Schutz vor Pestiziden, ungefiltertes Abwasser, das in Seen und Flügge gelangt.
  • Einsatz von Pestiziden
  • Energieverbrauch

Der Wasserverbrauch

Es gibt genügsame Blumen und es gibt: Rosen. Rosen benötigen besonders viel Wasser und zusätzlich Wärme, weshalb sie in Kenia in der Nähe des Naivasha-Sees besonders gut gedeihen und in Massen exportiert werden. Das Problem: Der Wasserspiegel des Naivasha-Sees ist mittlerweile stark gesunken und droht in Trockenzeiten auszutrocknen, was natürlich für die lokale Bevölkerung, die Kleinbauern und Ökosysteme drastisch ist.

Eigentlich alle anderen Blumensorten verbrauchen weniger Wasser. Die Biotulpen zum Selberpflücken auf dem niederländischen Hof Annemiekes Pluktuin nach Annemiekes Aussage keinerlei zusätzliches Wasser zum Regen.

Tulpenfeld zum Selberpflücken

Bei Annemiekes Pluktuin kann man die Tulpen selber pflücken – herrlich, oder?

Der Transportweg

Blumen über den halben Erdball zu fliegen klingt beknackt – und das ist es auch. Die Zahlen der Blumenimporte variieren stark, ich habe Zahlen von mehreren Milliarden gefunden, von denen angeblich bis zu 80% importiert waren. Hauptsächlich Rosen übrigens, denn Rosen sind der Deutschen liebste Blumen. Das Problem ist offensichtlich: Unmengen von Co2 fällt hierbei an.

Eine Studie der britischen Cranfield Universität ergab jedoch, dass Rosen aus niederländischen Gewächshäusern sechsmal klimaschädlicher sind als Rosen aus Kenia aufgrund der Rohstoffe, die hier aufgewendet werden müssen, um erforderliche Wärme und Licht zu erzeugen, die Rosen benötigen. Diese Studie wird noch heute regelmäßig zitiert. Nicht vergessen darf man hierbei allerdings, dass diese Studie bereits 10 Jahre alt ist und die Züchter in den Niederlanden stark auf nachhaltige Energieerzeugung umgestellt haben. Viele Züchter nutzen heute Sonnenkollektoren, um ihre Gewächshäuser zu beheizen.

Eine Entscheidung ist hier also nicht ganz einfach. Leider ist auch hier deutlich: Rosen (ohne Bio) sind ziemliche Klimakiller. Besser ist es auf andere Blumen wie Tulpen, Hyazinthen, Gerbera, Anemonen, Ranunkeln, Amaryllis, Lilien, Hortensien, Chrysanthemen oder Freesien umzusteigen. Generell sollte man aus lokalen Unternehmen kaufen.

Gerade bei Tulpen kann man sehr sicher sein, dass diese aus den Niederlanden kommen, denn die Tulpe ist dort der Exportschlager.

Blumenstrauß Ökobilanz

Ein schöner gebundener Blumenstrauß – aber wie ist die Ökobilanz?

Die Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen in Kenia und Equador, wo die meisten Blumen, zumeist Rosen, herkommen, sind für uns schon sehr viel schwieriger zu beurteilen. Bis vor kurzer Zeit gab es hier das Siegel FLP, Flower Label Programm, das Betriebe in Kenia, Equador und Portugal auszeichnete, die existenzsichernde Löhne zahlen, gute Arbeitsbedingungen und Schutz der Gesundheit bieten und keine Pestizide einsetzen. Der Gemeinnützige Verein konnte jedoch leider das Label nicht mehr aufrecht erhalten.FairTrade-Logo

Eine Alternative ist das Fairtrade-Siegel, das auch bei Schnittblumen angewandt wird. Allerdings bezieht sich das eben ausschließlich auf die Arbeitsbedingungen. Fairtrade-Bio-Blumen gibt es nicht.

Ob zum Beispiel in den Niederlanden, größter Blumenumschlagplatz in Europa, alles immer in Butter ist, was die Arbeitsbedingungen angeht, mag ich nicht beurteilen, aber wir haben natürlich eine ganze Reihe Europäischer Gesetze zum Schutz von Arbeiter*innen.

Faire Arbeitsbedingungen Schnittblumen

Auch auf die fairen Arbeitsbedingungen kommt es an.

Der Einsatz von Pestiziden

Es ist naturgemäß schwierig, ehrliche Antworten zum Einsatz von Pestiziden zu bekommen. Bei Nicht-Bio-Betrieben werden manche Mittelchen gerne mal als „Wachstumshilfe“ statt als Pestizid angesehen. In Holland wurde mir versichert, dass Indoors, also in Gewächshäusern, keine Pestizide eingesetzt werden müssen. Bei den Freilandtulpen hält man sich bedeckt. Wenn jemand mich hier aufklären kann, bitte gerne in den Kommentaren.

Sicher ist, dass viele Schnittblumen heute mit extremen Pestiziden belastet sind, die sogar gesundheitsgefährdend sein können, von den dadurch sterbenden Insekten fange ich gar nicht erst an.

Grundsätzlich sind Bio-Blumen daher immer eine gute Idee, denn Bio heißt: Ohne Pestizide, mit möglichst geringem Wasserverbrauch und mit umweltschonender Herstellung/Bewirtschaftung. Bio erkennt Ihr an verschiedenen Siegeln, z.B. dem deutschen Bio-Siegel, dem der EU, aber es gibt auch Unternehmens-Siegel z.B. von Bioland oder Demeter, die häufig noch strengere Kriterien für Bio ausweisen.

Ein Siegel speziell für Schnittblumen ist Das Grüne Zertifikat. Das Grüne ZertifikatVom Energieverbrauch bis zum Abfall wird hier geschaut, dass das Unternehmen möglichst umweltschonend arbeitet. Das Pendant in den Niederlanden ist das MPS-Siegel.

Wer also seine Gesundheit und Artenvielfalt unterstützen will, sollte auf jeden Fall darauf achten, wenigstens ein Grünes Zertifikat zu erhaschen oder in dem Fall sogar Gewächshaustulpen den Freilandtulpen vorziehen. Ganz auf Nummer sicher geht Ihr mit einem Bio-Siegel.

Tulpenfelder in Holland

Die Tulpenfelder in Holland: Schön anzuschauen, allerdings bestehen diese natürlich aus großen Monokulturen.

Übrigens gilt gleiches auch für Saatgut: Wer Artenvielfalt unterstützen will, z.B. auch die Bienen, sollte unbedingt auf Bio-Saatgut achten. Leider ist anderes Saatgut häufig mit Neonicotinoiden behandelt, das sich auch noch bemerkbar macht, wenn die Pflanzen Blüten tragen. Die Bienen können durch die Pollen der Blüten solch behandelten Saatguts letztendlich sterben.

Blumensamen

Auch bei Blumensamen möglichst auf Bio achten.

Der Energieverbrauch

Als ich dieses Jahr erneut zur Tulpenblüte in Holland war, habe ich einen Tulpenzüchter besuchen können. Auf dem Weg sah ich bereits viele Gebäude, auf denen Sonnenkollektoren angebracht waren, und ja, auch das bestätigte mir der Züchter:
Viele Tulpen werden zwar in beheizten Gewächshäusern herangezogen (und gelten übrigens alleine deshalb nicht als „bio“), allerdings möchten die Züchter ja auch selbst Geld sparen und setzen daher vermehrt auf Solarenergie, die sich langfristig immer rechnet. Das ist natürlich großartig und wird in Zukunft hoffentlich Standard. Ein spezielles Siegel gibt es dafür nicht, wobei immerhin das oben erwähnte MPS-Siegel und Das Grüne Zertifikat auf den möglichst geringen Energieverbrauch achten.

Tulpenzüchtung

Tulpen werden hier in Wasserlösung gezogen.

Tulpen-Gewächshaus in Holland

Das Tulpen-Gewächshaus von van der Slot Tulips in Voorhout. Hier wird mit Solarenergie gearbeitet.

Bei Frühblühern wie Tulpen ist es daher sicherer, sie erst im Frühling zu kaufen, denn dann stammen sie mit höherer Wahrscheinlichkeit aus der Freilandhaltung, wobei wie oben erwähnt dann die Frage nach den Pestiziden geklärt werden müsste. Im Januar geht zwar die Blumen-Saison los, diese Blumen stammen aber mit Sicherheit aus beheizten Gewächshäusern, wenn sie „lokal“ angebaut wurden, also aus Deutschland stammen oder wahrscheinlicher aus den Niederlanden.

Wer übrigens so eine Tour mal machen möchte: Das Unternehmen Van der Slot Tulips öffnet auch gerne für interessierte Besucher*innen die Türen und erklärt die Produktionsvorgänge. Interessant ist hier auch der Unterschied zwischen Zwiebelzucht und Blumenzucht, aber das würde hier zu weit führen. Spannend – fast wie bei Sendung mit der Maus – sind die automatisierten Vorgänge: Zwar wird auch noch viel per Hand sortiert, aber die sortierten Tulpen werden dann automatisch auf dem Fließband transportiert, die Zwiebeln werden abgeschnitten und die Sträuße ebenfalls vollautomatisch gebunden.

Übrigens bekommen die Zwiebeln die Schafe zu Fressen. Diese können nicht weiterverwendet werden, weil es für eine kräftige Zwiebel und die daraus wachsende Tulpe wichtig ist, die Kraft der Tulpe zu sammeln. Tulpen sollte man also immer richtig abblühen lassen, bis die Blätter gelb werden, damit die Zwiebeln Kraft sammeln können – und auch wieder neue Zwiebeln produzieren.

Gebündelte Blumensträuße

In der Fabrik werden nun nach dem Ausreifen die Zwiebeln abgeschnitten und der Strauß automatisch gebunden.

Fazit zur Nachhaltigkeit vom Blumen

Der Rosenstrauß für 2,99 Euro vom Supermarkt ist mit Sicherheit alles andere als nachhaltig. Ökologische Vertretbarkeit kostet Geld: Geld für die Arbeiter, Geld für bessere Produktionsbedingungen, Geld für bessere biologische Dünger und gute Böden.

Bio-Blumen haben automatisch eine sehr gute Ökobilanz, weil sie die wichtigsten Kriterien der Nachhaltigkeit einhalten und nicht von weit her importiert wurden (laut Ökolandbau gibt es keine Bio-Blumen aus Übersee). Man könnte sogar sagen: Es ist besser, Bio-Blumen zu kaufen, als keine Blumen zu kaufen, weil auf diese Weise die Bio-Nachfrage angeregt wird.

Abseits von Bio gibt es noch folgende Faustregeln:

  • Saisonal kaufen ist immer eine gute Idee, auch wenn inzwischen Solarkollektoren es möglich machen, Blumen aus dem Gewächshaus zu kaufen, die keine schlechte Ökobilanz haben.
  • Auf spezielle Nachhaltigkeits-Siegel für Schnittblumen achten, das sind Das Grüne Zertifikat und MPS.
  • Regional kaufen ist besser, Fairtrade ist besser als nix.
  • Alles ist besser als Rosen, die aus Übersee importiert werden. Vielleicht erfreut Ihr Euch lieber an den Wildrosen im Park oder Garten, die ohnehin viel besser riechen als Zierrosen, und zwickt davon ein paar ab. Bei uns wachsen Wildrosen wie irre und man kann aus den wohlriechenden Blättern hervorragend Rosenwasser und Rosenblütensirup machen.
  • Tulpen gelten als die genügsamsten aller Blumen und werden optimalerweise mit Solarenergie ohne Pestizide gezogen. Ich überlege, Blumenhändler meines Vertrauens genau darauf anzusprechen, ob sie einen entsprechenden Zulieferer haben.

Nachdem ich den Mann also jahrelang mit meinem Ökofimmel so verunsichert habe, dass ich tatsächlich seit Jahren keine Blumen mehr von ihm bekommen habe, sage ich hier ganz offiziell: Schatz, wann bekomme ich denn mal wieder einen Strauß Tulpen?

Welche Schnittblumen sind nachhaltiger?