Manchmal fügen sich die Dinge seltsam zusammen. So wollte es wohl der Zufall, dass ich neulich gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte, im Elb-Havel-Winkel fischen zu gehen – na klar hatte ich das!

Wolfgang Schröder Fischerei

Mit dem Fischer auf dem See: Wolfgang Schröder ist seit 30 Jahren Fischer.

Der Elb-Havel-Winkel, das ist dort, wo Elbe und Havel ein kleines, überschaubares Dreieck bilden, bevor sie sich vereinen. Der Gülper See liegt hier etwa in der Mitte und zweigt von der Havel nach Osten ab.
Während sonst üblicherweise die Elbe die Grenze zu Brandenburg bildet, ist es hier die Havel, weshalb der Elb-Havel-Winkel selbst in Sachsen-Anhalt liegt, der Gülper See jedoch im Brandenburg.
Wer jetzt genug verwirrt ist, schaut einfach auf die Karte, böse Zungen behaupten allerdings, man könne es sofort merken, wenn man die Grenze zu Brandenburg überschreite, denn ab hier wird es sofort edgy, soll heißen: kein Internetempfang mehr.

Nun muss man wissen:

  1. Auf den Gülper See wollte ich schon lange. Wir waren schon einmal südlich mit dem Hausboot hier, und ich habe im Sternenpark Westhavelland auch schon einmal die Sterne bewundert, aber auf den Gülper See darf man nur mit Genehmigung, denn der ist Naturschutzgebiet. Zwei Fischer dürfen hier jedoch fischen, die beste Gelegenheit also, auf den großen 573 Hektar großen See zu gelangen.
  2. Ich wollte schon immer Angeln lernen. Das wundert viele, mich wundert, dass das so verwundert. Gut, Netzfischen ist nicht angeln, aber es ist fischen!
  3. Ich war nur zwei Wochen später ohnehin auf ein Date im Elb-Havel-Winkel verabredet, nämlich auf unseren jährlichen Hausboot-Törn – ein paar haben es vermutlich auf Instagram oder Facebook gesehen. Dieses Mal sind wir im bezaubernden Havelberg gestartet – ein absolut sehenswertes kleines Städtchen, ich war nun schon zum zweiten Mal da.

Trotz immer näher rückenden Deadlines und wahnsinnig viel zu tun fuhr ich also eines Freitag Abends mit dem Zug gen Sachsen-Anhalt, denn das Fischen sollte zeitig losgehen, ich kampierte daher in der Nacht vorher auf dem Campingplatz am Schönfelder See – eine schöne Wahl.

Beim Frühstück auf dem Campingplatz am Schönfelder See. Foto: Ingo Freihorst

Die Fischerei Schröder in Strohdehne

Wolfgang Schröder ist seit über 30 Jahren Fischer und irritiert unsere Gruppe erst einmal, als jemand nach Kranichen fragt und er erzählt, ja, die würden hier bald vermehrt ankommen, er würde daher „den See etwas ablassen“, damit sie mehr Stellfläche hätten.
Ähm, bitte was? Den See ablassen? Stellfläche? Ja, tatsächlich ist es möglich, den Wasserstand mit der Fischtreppe zu regulieren. Der flache Uferrand wird so vergrößert und noch mehr Kraniche können im Wasser übernachten, wo sie vor Feinden geschützt sind. Bis zu 20.000 der großen Glücksvögel finden sich hier auf ihrem Herbstzug ein.

Schröders Vorfahren kauften den See um 1900, doch Preußen enteignete diese Besitztümer, gab die Fischereirechte aber an die ehemaligen Besitzer. Heute teilt sich das Gebiet auf drei Fischereirechte auf. Wieviele Fische herausgefischt werden, ist nicht reguliert. Die Menge muss der Fischer selbst entscheiden.
Normalerweise sind vier bis sechs Helfer mit ihm auf dem See, heute sind wir beim „Erlebnisfischen“ dabei, das Schröder regelmäßig anbietet. Die vielen Nachfragen haben ihn dazu inspiriert, heute gibt es sogar Therapiegruppen, die mit auf den See fahren.

Fischernetz

Erlebnisfischen auf dem Gülper See

Erst einmal heißt es, eine passende Wathose zu finden, wir müssen nämlich tatsächlich rein ins Wasser, um die Netze per Hand einzuholen. Großartig sehe ich aus, oder?

Wathose

Mit der Wathose bleibt man beim Treideln trocken.

Dann geht es mit drei Booten raus – zwei zum Netz einziehen und eines, wo die Fische reinkommen.

Fischerboote

Raus geht’s jetzt auf den Gülper See.

Der See liegt still vor uns, in der Ferne mache ich hunderte Vögel aus.

Gülper See in Brandenburg

Naturschutzgebiet Gülper See

Zuerst ist mir nicht ganz klar, wie das Ganze funktioniert, beim Arbeiten wird es dann schnell klar:

Das Zugnetz liegt jeweils zur Hälfte in einem Boot, insgesamt stolze 500 Meter Netz. Die meisten von uns müssen nun aussteigen, das Wasser reicht mir gerade bis zum Bauchnabel, die Watschuhe saugen sich mit Unterdruck an die Füße – ein seltsames Gefühl. Dann werden die Boote langsam auseinander geschoben, während die Netzhälften langsam ins Wasser gelassen werden.

Fischernetze zwischen Booten

Die Boote werden jetzt auseinander gezogen, das Netz dabei zu Wasser gelassen.

So entsteht ganz langsam ein großer Netz-Halbkreis. Ist das Netz nun draußen, werden die Boote hinten wieder zusammengeschoben – der Kreis wird geschlossen.

Fischerbotte

Der Kreis wird geschlossen.

Netzfischen im Elb-Havel-Winkel

Das Netz ist nun vollständig ausgelegt. Foto: Ingo Freihorst

Jetzt geht es ans Netz einholen: Während jeweils rechts und links langsam, vorsichtig und gleichmäßig das Netz eingezogen wiird (was teils recht anstrengend ist), ordnen drei Leute das Netz ins Boot.

Der sensibelste Part ist an den Booten: Damit die Fische hier nicht vorbeikommen, übernimmt der Fischer höchstselbst diesen Teil und hält die Netze hier zusammen.

Netzfischen auf dem Gülper See

Wir ziehen an beiden Seiten, der Fischermeister kümmert sich in der Mitte um die Unterleinen. Foto: Ingo Freihorst

So wird der Kreis kleiner und kleiner, bis man in kleiner Runde nebeneinander steht und sich vor einem insbesondere Brassen tummeln, außerdem ein Hecht, ein paar Karpfen und die begehrten Wollhandkrabben.

Fischer am Netz

Die Fische können jetzt nicht mehr entkommen – der Fang wird begutachtet.

Karpfen, erzählt der Fischermeister, seien am schlauesten, die würden auch schon mal über das Netz drüberspringen.

Unangenehm finde ich die Aufgabe, beim Einholen des Netzes die kleinen Plötze zu befreien und wieder ins frei Wasser zu befördern. Man sollte meinen, sie glitschen schnell aus dem Netz heraus, und beim Fischer sieht das auch ganz leicht aus, bei mir verhaken sie sich jedoch immer und mir wird klar, dass ich nur nicht robust genug ziehe, weil ich keine Flossen kaputt machen möchte. Doch jemand neben mir meint, das nütze nichts, die seien ohnehin meist zu verletzt und würden sterben, was wiederum Futter für einige andere Fischarten und die Vögel sei.
Hm, ok. Sie haben bislang glücklich gelebt und ich versuche, nicht zimperlich zu sein, aber das ist gar nicht so leicht. Die Möwen haben das Spektakel beobachtet und wittern ihre Chance auf einen leckeren Fischhappen.

Die Fische werden nun mit einem Kescher aus dem Netz in das dritte Boot befördert, bis das Netz leer ist – eine enorme Arbeit.

Erlebnisfischen im Welthavelland

Mit dem Kescher werden jetzt die Fische aus dem Netz ins Boot umgesetzt.

Nachdem in der ersten Runde der Fang recht klein ist, fahren wir ein zweites Mal hinaus und das Prozedere beginnt von vorn.

Fischer auf Boot

Noch einmal geht es hinaus. Das hier ist das dritte Boot mit dem Fischfang.

Fischfang

Dieses Mal war der Fang ordentlich!

Fische im Netz

Ein guter Fang.

Kescher mit Fisch

Wahnsinn, sind die riesig!

Dieses Mal ist der Fang so riesig, dass das Boot bald voll ist und auf dem See kurzerhand ein Netzgehege aufgestellt wird, um die Fische später abzuholen.

Fischgehege

Ein Fischgehege wird fix mit einfachen Stangen gebaut.

Kescherweise werden nun auch hier die Fische hinein befördert.

Fischen Gülper See

Die Fische werden kescherweise in Handarbeit in das Gehege und die Boote befördert.

Netzfischen

Die Fische vom Netz mit dem Kescher umzusetzen, ist schwere Handarbeit.

Boot mit Fischen

Das Boot ist nun voll.

Für uns ist es jetzt Zeit, zurück zu fahren. Hier werden die Fische tatsächlich wieder Kescher für Kescher in Eimer geladen, die wir zur Küche tragen und dort in großen Tonnen ausleeren. Es gilt, die Fische bis zur Verarbeitung am Leben zu lassen, damit sie möglichst frisch verarbeitet werden.

Fischerboote

Fertig mit dem heutigen Fischfang.

Wie das Töten und die Verarbeitung vonstatten geht, habe ich leider nicht miterleben können. Dafür werde ich garantiert mal einen Kurs besuchen, denn ich würde gerne wissen, wie man den schnellen und schmerzlosen Herzstich ausführt, der heute von Anglern erwartet wird. Mein Opa hat die Fische immer an Land ersticken lassen, ganz gruselig, heute wird sowas nicht mehr gemacht.

Fischmahl-Belohnung im romantischen Garten

Zum Abschluss bekommen wir ein leckeres Mahl mit Fischsuppe, einem Wels- und Brassengericht an Bio-Gemüse und selbstgemachten Kuchen.

Fischgericht

Leckere Brasse an Bio-Gemüse.

Die Brassen schmecken mir viel besser als der Wels. Das ist interessant, weil ich erfahre, dass Brassen früher das Image vom „Billigfisch“ hatten. Die Fischerei Schröder macht diesen Regionalfisch nun wieder populär. Besser sei es doch, meint Schröder, regionalen Fisch zu nutzen als weit importierten Fisch. Zudem kommen die Brassen gut mit den zunehmend warmen Temperaturen zurecht.

Wir sitzen im schönen Garten, denn mittlerweile ist die Sonne rausgekommen und wir bilden eine lange Tafel. Es sind zwar nicht genau die Fische, die wir heute gefangen haben, aber ein bisschen haben wir uns ja doch unser Mahl verdient.

Garten Fischerei Schröder

Der schöne Garten der Fischerei Schröder

TTT – TierischeTouri-Tipps

Die Fischerei Schröder bietet das Erlebnisfischen regelmäßig an – ich kann es wirklich nur empfehlen, es ist wahnsinnig spannend und man lernt eine ganze Menge. Im Preis inkludiert ist eine Einführung, das Netzfischen (bei uns waren es sogar zwei Runden) und anschließend ein tolles Fisch-Essen.
Achtung: Das Netzfischen ist Arbeit, keine Fototour! Die Fotos sind nur ausnahmsweise so entstanden und ich durfte hier ein paar Fotos vom Journalisten Ingo Freihorst einfügen (vielen Dank dafür), weil ich nicht immer vom Netz wegkonnte, und habe einige Schnappschüsse nur mit dem Handy gemacht.

Im Hofladen kann man den leckeren Fisch auch einfach an der Theke kaufen oder einen Imbiss im schönen Garten einnehmen. Öffnungszeiten auf der Webseite der Fischerei.

Weitere Aktivitäten in der Gegend:

Der Elb-Havel-Winkel und Umgebung haben extrem viel zu bieten, weshalb auch ich vermutlich im Frühjahr auf eine Brandenbulli-Tour wiederkomme. Ein paar Ideen:

  • Hausboot fahren im Elb-Havel-Winkel ab Havelberg – Hausbootfahren ist immer eine gute Idee.

    Hausboot auf See

    Mit dem Hausboot im Elb-Havel-Winkel.

  • Den schönen Dom Sankt Marien im Bistum Havelberg besuchen. Hier leben sogar Eulen.

    Havelberg

    Havelberg ist überschaubar und sehr sehenswert. Der Dom sticht über der Stadt heraus.

  • Tangermünde besuchen – eine der schönsten Städte der Gegend.
  • Zelten gehen am Schönfelder See.
  • Den ältesten Flugplatz der Welt besuchen! Im winzigen Stölln hat nämlich Otto Lilienthal seinen berühmten ersten Flug absolviert. Heute kann man hier eine Ausstellung besuchen und Lady Agnes besichtigen, ein Flugzeug vom Typ Iljuschin Il-62, das hier 1989 landete. Eine verrückte Geschichte, über die man sich im Flugzeug ein Video anschauen kann.

    Flughafen Otto Lilienthal

    Der älteste Flughafen der Welt liegt in Stölln. Hier absolvierte Otto Lilienthal seine ersten Flüge.

  • Den Naturpark Westhavelland besichtigen, zum Beispiel per Fahrrad an der renaturierten Havel entlang.
  • Den Sternenpark Westhavelland besuchen, einen der dunkelsten Orte in Deutschland.

Offenlegung: Ich wurde vom Elb-Havel-Winkel zum Camping und Erlebnisfischen eingeladen, vielen Dank dafür!
Mein Dank geht ebenfalls an die anderen Gäste, die mir netterweise ihre Fotoerlaubnis zur Verfügung gestellt haben. Wann bekommt man schon mal zwei Hände voll solch grandioser männlicher Models!