Ich habe derzeit einige andere Artikel auf Lager, die nur fertiggemacht werden müssten, aber ich kann nicht. Ich bin müde und erschöpft vor lauter Wut, die ich in den letzten Tagen hatte. Vor lauter Zweifeln, über etwas Banales zu schreiben. Ich kann es nicht mehr hören, das laute Schreien der Hasser, der Selbstbemitleider, der Mitleidslosen.

Das Geschrei ist leider laut, so laut, dass jetzt der Aufruf von mehreren Seiten kam, Stellung zu beziehen. Eben: Mal laut auszurufen.
Ich aber will nicht rufen. Ich will auch nichts mehr erklären, denn dazu ist schon genug erklärt worden, zum Beispiel hier (großartig, bitte mal reinlesen!). Ich will schreien, am liebsten den ganzen Tag, die Parolen den Hassern entreißen:

Mund auf, Stellung nehmen!
Lasst den Hassern keine Stimme!
Nennt die Anschläger endlich Terroristen!
Humanität ist keine Option!
#24ct!
Wasser ist ein Menschenrecht!
#refugeeswelcome!*

*Buntes Sammelsurium nach eigenem Gusto.

Ich könnte noch ewig so weiterschreien, aber das bringt ja herzlich wenig, denn die Menschen, die ich da anspreche, lesen mich überhaupt nicht. Meine Blase habe ich dadurch verfestigt, dass ich mich schon längst von den Hassern entfreundet habe, im realen Leben wie auch bei Facebook – oder sie sich von mir.

Das Hassen hassen

Ich habe schon arme, sehr arme Menschen gesehen, die keinen Hass auf andere hatten. Und ich habe andere Maden wie mich gekannt, die hatten Hass ohne Ende.

Vielleicht hätte ich weiterdiskutieren sollen. Hätte ich das? Wenn jemand behauptet, „Du scheiß N….“ sei kein Schimpfwort – soll ich da ernsthaft argumentieren? Wenn jemand Juden generalisiert beschimpft, oder entsprechende Sachen auf Facebook teilt, wenn jemand nichts neben „wer nicht für uns ist ist gegen uns“ gelten lässt, wenn jemand Hassparteien wählt oder gegen Flüchtlinge hetzt?
Es ist nichtmal so, dass ich es nicht versucht hätte, ich habe versucht zu argumentieren. Aber jetzt nicht mehr. Ich habe keine Lust mehr. Ich sollte vermutlich Mitleid mit den Hassern haben, die irgendwo in ihrem Leben ein Vakuum erfahren haben, das sie jetzt zu füllen versuchen. Vielleicht hat die Mami sie nicht genug lieb gehabt oder sie haben schreckliche Dinge gesehen und brauchen Liebe. Mag alles sein.
Und ich spreche aus meiner Made-im-Speck-Situation, als oberprivilegierte weiße West-Tussi deren einziger Mangel es ist, eine Frau zu sein. Das ist mir bewusst.
Aber ich habe schon arme, sehr arme Menschen gesehen, die keinen Hass auf andere hatten. Und ich habe andere Maden wie mich gekannt, die hatten Hass ohne Ende. Hass hat nichts mit dem „Übel mitgespielt worden“ zu tun, Hass ist ein erbärmlicher Charakterzug, den wir vermutlich alle mehr oder weniger in uns tragen, aber die Deppen sind eben nicht in der Lage, diesem Einhalt zu gebieten.
„Man“ scheißt ja auch nicht mitten auf die Straße, oder benimmt sich irgendwie beim Essen (je nach kulturellem Gusto), oder schlägt eben nicht einfach so einen anderen Menschen. Na klar kann man das alles tun, aber ich finde es gut, dass sowas bei allen Kulturen, die ich über die Welt verteilt kenne, so etwas wenigstens geächtet ist. Es gibt Regeln. Die anmutende Spießigkeit heißt in diesem Fall: Soziales Miteinander. Das muss leider eben auch diejenigen aushalten, die mir hübscher Regelmäßigkeit und erschreckend stabilem Gesellschaftsanteil immer wieder dazwischenschlagen.
Aber mit den Deppen habe ich keine Lust mehr zu reden. Und ich habe auch keine Geduld mehr. Und ich mag mich nicht mit Hassern umgeben, denn Hasser erzeugen Hass – auch bei mir.

Die Fronten zum #LaGeSo: Hier und hier – und hier

Dumm nur, dass die Hilfesuchenden derweil IMMER NOCH bei 40 Grad auf dreckigen Kartons unter Bäumen Schatten suchten, mit wenig Essen und wenig Klos und teilweise mit nichts als den Klamotten am Leib.

Ich lese und ärgere mich Tag für Tag. Ich bin zum #LaGeSo gelaufen, was übrigens kein Erstaufnahmelager ist, wie häufig fälschlicherweise betitelt. Es gibt dort keine Unterkünfte und keine Dusche und keine Kochmöglichkeit. Es ist das Landesamt, was Zettelchen verteilt, auf denen Hotels versichert wird, dass das Land für einen Monat die Kosten der Unterkunft übernimmt. Leider ist das aber gar nicht so, weshalb den Flüchtlingen von den Hotels (die sie übrigens selbst suchen müssen!) Absagen erhalten.
Ja, mittlerweile sind mal wieder ein paar „Lager“ gefunden worden, das stimmt. Am Freitagnachmittag war die Situation aber vor Ort genau diese und ich habe in ängstliche Augen gesehen. Ängstlich, weil die Menschen sich nicht trauen, raus in dieses fremde Berlin zu gehen und bei Hotels um Unterkunft zu betteln. Ängstlich, weil es um 14 Uhr hieß, in ein paar Stunden würde das Gelände geräumt (Ordnung muss sein).

Ich bin dort nicht wirklich hingegangen, weil ich dachte, dass das bisschen, was ich tragen konnte, da großartig etwas hilft, sondern weil ich die Lage mit eigenen Augen sehen wollte. Und die Lage war schlimm. Und viele Augen dort waren so müde. Und die Menschen waren sehr freundlich, sie wollten gerne Kontakt.
Aber schon zwei Stunden später haben Security und helfende Verbände dort keine Freiwilligen hineingelassen, das sei ja alles nicht notwendig, sie hätten jetzt genügend Spenden. Bilder wurden über Facebook geschickt mit vollen Lagerräumen. Dumm nur, dass die Hilfesuchenden derweil IMMER NOCH bei 40 Grad auf dreckigen Kartons unter Bäumen Schatten suchten, mit wenig Essen und wenig Klos und teilweise mit nichts als den Klamotten am Leib. Sie kommen übrigens häufig ohne Koffer! Stellt Euch das vor: Da vergleicht so ein Depp vom LaGeSo die Warteschlange mit der Schlange vor einem Apple-Geschäft und diese Menschen sitzen hier ohne jegliches Hab und Gut und haben wahnsinnige Angst davor, irgendwo im kleinen Tiergarten wie die letzten Hunde übernachten zu müssen! Übrigens: Ich habe genau da mal gearbeitet. Im kleinen Tiergarten treffen sich Fixer und es liegen manchmal Spritzen herum. Willkommen in Deutschland, Ihr Flüchtlingskinder.

Morgen wollte ich mit einer verabredeten Fahrgemeinschaft Dinge zum LaGeSo bringen: Kleidung, Essen, Schuhe, Decken. Wird alles nicht mehr gebraucht, sagt Moabit hilft. Dabei sind doch heute schon wieder Flüchtlinge dort angekommen und ich fürchte, die sitzen schon wieder auf Kartons und besitzen nicht einmal eine Zahnbürste. Ach doch, T-Shirts und Flip Flops würden gebraucht, heißt es, aber bitte Neuwertige. Und bitte auch nur zur Berliner Stadtmission. Die schließt um 16 Uhr. Pech gehabt. Helfer werden gesucht, aber bitte nur durchgeimpfte. Und bitte auf gar keinen Fall auf eigene Faust zum LaGeSo. Die chaotischen Helfer könnten ja Dreck auf der Wiese hinterlassen oder gar mit Flüchtlingen reden.

Dabei möchten die Hilfesuchenden doch so gerne Kontakt, das war überdeutlich. Selbst mit nur wenigen Brocken Englisch oder Deutsch möchten sie unbedingt. Vermutlich, weil sie wissen, dass sie dringend Deutsch lernen müssen, denn sonst haben sie es schwer, hier Unterstützung zu beantragen. Und weil sie in unserer Mitte ankommen möchten, nicht am Rande der Gesellschaft – denn wer will das schon – und ihren Teil dazu beitragen. Sie möchten ein Willkommen und werden jetzt seltsamerweise von helfenden Verbänden abgeschottet.

#refugeeswelcome

Ich bin erschöpft. Und sehr ratlos. Und ich kann nicht mehr schreien, nur noch leise sagen:
Lasst sie ankommen. Geht hin und spendet ein Lächeln. Lasst Euch nicht an der Tür von Deutschen abweisen, denn die wissen offenbar nicht, was sie tun.
Und wie der geschätzte Friedrich Küppersbusch heute meinte:

[Wir sollten] endlich zugeben, dass das Flüchtlingsthema ein Dauerthema ist. Vielleicht sogar eines, wo wir uns auszeichnen können.

Was spricht denn eigentlich dagegen?

Postlude

a) Die Frage am Ende ist rhetorisch. Ich behalte mir vor, Antworten entsprechend zu löschen. Wer fragt warum muss von vorne anfangen zu lesen.
b) Ich habe den Text in vernebelter und erschöpfter Rage und Rechtschreibfehler, fehlende rote Fäden und Logikprobleme in Kauf nehmend geschrieben, das ist mir bewusst.
c) Ich muss noch nachtragen, warum es so wichtig ist, die Stimme zu erheben: Damit so etwas hier uns nicht immer häufiger erschüttern muss, denn das ist das Ende unserer Freiheit.

Weitere Artikel der wunderbaren Bloggerbewegung #refugeeswelcome bzw. #1000malwillkommen gibt es z.B. hier: