Wenn Du Dir vorstellst, dass Du rauchfrei sein kannst, wenn Du nur 10 Sekunden durchhalten musst – das klingt eigentlich zu schön und zu einfach, um wahr zu sein, oder?

Ich hatte erst einen sehr kurzen Fehlversuch hinter mir, als ich im Mai 2009 begann, mich auf mein Nichtraucher-Dasein vorzubereiten. Es hat funktioniert, ich bin heute auf den Tag genau sieben Jahre rauchfrei – aber es war in einer überraschenden Weise schwerer, als ich mir das vorgestellt hatte. Aber um das gleich für diejenigen, die hier eventuell Hilfe suchen vorwegzunehmen: Es war gleichzeitig auch leichter als gedacht.

Die meisten Ratgeber übers Rauchen aufhören funktionieren anscheinend wie ein Märchen: Die Helden machen sich auf den Weg, Schwierigkeiten begegnen ihnen, Einsichten und moralische Bedenken, Krankheit etc. und am Ende des letzten Zigarettenstummels heißt es dann: „Und sie lebten glücklich…“ Kaum jemand redet darüber, was hinterher kommt.
Ich habe vor dem Aufhören einige Ratgeber zur Raucherentwöhnung gelesen, die alle Schrott waren. Der Gipfel der Blödheit: Das Buch „Endlich Nichtraucher“, was mir weißmachen wollte, rauchen „schmecke ja gar nicht“. Ich bin heute noch davon überzeugt, dass dieses Werk von einem Nichtraucher geschrieben wurde.

Heute werde ich immer wieder gefragt, was denn meine Tipps seien, nun tatsächlich endlich Nichtraucher zu werden, und wie ich das denn durchgehalten habe. Wie ich es denn nach der letzten Zigarette geschafft habe, keine mehr anzuzünden, denn darum geht es ja. Es geht ja nicht darum, sich zu entschließen, irgendwann die letzte Zigarette zu rauchen, wie uns das viele Bücher vormachen wollen, das ist doch bitte noch jedermenschens eigene Entscheidung, sondern wie es funktionieren kann, dass man nach dem Happy End der letzten Zigarette auch happy ohne bleibt. Und darum soll es in diesem Artikel gehen.

Ich hoffe damit, dem ein oder anderen vielleicht ein kleines bisschen helfen zu können oder wenigstens auf das vorzubereiten, was eventuell nach der letzten Zigarette kommen mag.

Achtung: Der Artikel ist sehr lang geworden und sehr persönlich, sorry dafür. Mir war nach erzählen und ich würde mich tierisch freuen, wenn der ein oder andere seine eigenen Erfahrungen in den Kommentaren beisteuert. Oder auch einfach nur die eigenen Gedanken.

Inhalt des Artikels

Die perfekte Anleitung zum Rauchen aufhören – und meine gescheiterten Versuche
Warum ich aufhören wollte
Die Vorbereitung
Der letzte Tag
Die ersten rauchfreien Tage
Ein schockierendes Tief
Rauchen und Depression
Der Lohn der ganzen Müh
Die 10 Sekunden-Regel
Weitere Tipps, um das Nichtrauchen durchzuhalten

Die perfekte Anleitung zum Rauchen aufhören – und meine gescheiterten Versuche

Die perfekte Anleitung zum Rauchen aufhören geht so: Schmeiß Deine Zigarette weg und rauch halt keine mehr. So blöd, so einfach.

So hat es bei meinem ersten Versuch nicht funktioniert. Mir hatten alle von der psychischen Abhängigkeit erzählt. Dass die körperlichen Entzugserscheinungen aber ebenfalls enorm sein können, das hatte ich einfach mal verdrängt – ein Punkt, zu dem ich später nochmal zurückkomme. Ich litt unter krasser Nervosität, noch schlimmeren Schlafstörungen als sonst üblich, Kopfschmerzen, Zittern und vermutlich habe ich die Hälfte der Symptome vergessen. Nach drei Tagen gab ich auf.

Der zweite halbe Versuch war, mir diese berühmten Bücher zum Rauchen aufhören reinzuziehen. Der Versuch scheiterte noch während des Lesens, denn da stand wie schon oben beschrieben solcher Riesenunfug drin, dass Rauchen überhaupt nicht schmecken würde, Rauchen wäre total scheiße undsoweiter. Schon aus Protest rauchte ich weiter.
Die Bücher hätten mir ohnehin allesamt nichts gebracht, denn die hörten eben alle an dem Punkt auf, wo die letzte Zigarette geraucht war. Die sagten mit keiner Silbe, wie man es denn aber durchhält, nicht zu rauchen. Die Bücher wollten mich nur überzeugen, nicht zu rauchen, und sprachen dabei zu mir wie zu einem dusseligen Kind. Wenn ich auf eins nicht stehe, dann wie ein dusseliges, unmündiges Kind behandelt zu werden. Rauchen ist geil. Das finde ich auch heute nach sieben Jahren Rauchabstinenz so. Nur die Sucht ist halt echt scheiße. Und der Gestank leider auch.

Warum ich aufhören wollte zu rauchen

Klick für den dritten und weniger halbherzigen Versuch machte es, als meine Schwester mir gestand, dass sie das Weihnachtspaket für Neffe und Nichte erst einmal ein paar Tage auf der Terrasse ausgelüftet hatte, weil das so nach Rauch gestunken hatte. Ohmeingott, wie peinlich. Das war jedoch lediglich der berühmte letzte Tropfen. Schon vorher schleichte sich der Leidensdruck, den mein Rauchen mit sich brachte, in mein Leben.

In den letzten Raucherjahren musste ich mir sogar nachts alle paar Stunden eine anzünden, um schlafen zu können. Ich war zu faul aufzustehen, also habe ich direkt im Schlafzimmer geraucht. Ein Langstreckenflug war für mich die Hölle. Wenn ich mich mit Freunden treffen wollte dann lieber mit solchen, die ebenfalls rauchten, denn die ständige Rücksichtnahme war anstrengend. So eine war ich.

Mich nervte immer mehr, dass ich mein Leben so sehr auf die Raucherei ausrichtete. Mich nervte, so offensichtlich abhängig zu sein. Mich nervte die Schwäche dieser Sucht. Mich nervte die Offensichtlichkeit meiner Charakterschwäche, die ich mit dem ständigen Rauchen allen Außenstehenden zeigte. Das Argument der Gesundheit? Drauf gespuckt, mir ging es prächtig. Ich hatte nie diese Husterei am Morgen. Krebs? Ist meine Mutter als Nichtraucherin dran gestorben. Das Argument des Geldes war keines: Ich rauchte Tabak, das kostete mich damals – ich habe penibel Buch geführt – durchschnittlich 35 Euro im Monat, macht 420 Euro im Jahr, oder 5 Bier und 5 Coffee-to-Gos im Monat weniger. Nicht wirklich ein Argument für den Gegenwert einer mehrfachtäglichen Genusseinheit. Wieder besser schmecken und riechen können? Das ist ein Märchen, darf ich hier verkünden. Das mag vielleicht dem ein oder anderen so gehen, bei mir ist da auch nach sieben Jahren kein Unterschied zu merken.

Aber die Abhängigkeit, die war wirklich die Hölle. Die Fernreisen, die ich nicht machte. Die Treffen mit Freunden, die ich absagte, weil sie in Nichtraucherwohnungen stattfinden sollten. Die ständige Raucherei in der Nacht. Ich wollte nicht mehr stinken.

Und ich wollte vor allem frei sein. Frei von Zwängen, denn Zwänge passen eigentlich gar nicht in meine Idee vom Leben. Und Suchtverhalten ist der schlimmste Zwang, den man sich auferlegen kann.

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Die Vorbereitung

Dieses Mal, schwor ich mir, würde ich den Entzug schlauer angehen und beschloss, mich drei Monate lang mental und 10 Tage lang physisch auf den Tag vorzubereiten, an dem ich die letzte Zigarette ausdrücken würde.

Ich fing an, mir Tipps zu holen: Bei Bekannten, die ebenfalls aufgehört haben. Und ich schaute in mich hinein: Warum rauche ich so gerne? Wann rauchte ich gerne?

Ich vermied es, zu meinen typischen Gern-Rauch-Zeiten zu rauchen. Eine Freundin stellte fest: „Wenn Du aufgehört hast zu rauchen musst Du alles, was Du früher rauchenderweise getan hast, einmal ohne Rauchen durchstehen. Erst dann bist Du drüber hinweg.“ Rauchen beim Bier- und Kaffeetrinken. Rauchen beim Telefonieren. Rauchen nach dem Training. Rauchen beim Spaziergang. Rauchen vor dem ins-Bett-gehen. Rauchen nach dem Aufstehen. Rauchen nach dem Sex. Rauchen vor dem Sex. Beim Musik hören. Beim Lesen. Nach dem Frisör. Beim Basteln. Beim Renovieren. Das bewusste Nicht-Rauchen dauert lange. Darauf war ich also nun vorbereitet.

Außerdem wäre es vermutlich einfacher, in den Tagen nach dem Aufhören keinen gewöhnlichen Alltag zu haben. Ich setzte das Datum also auf drei Tage vor einer traumhaften Urlaubsreise fest: Ich würde das erste Mal nach Grönland reisen.

Ich würde zunehmen, das war ziemlich sicher. Ich bin ziemlich picky, was meinen Körper angeht, und bereitete mich daher mental darauf vor, erstens zuzunehmen und zweitens gesünder zu essen, um das kommende Problem in Schach zu halten. Ich fing an, gesünder zu kochen und mir Snacks für den ständigen Hunger zwischendurch aufzuschreiben. Nüsse und Oliven zum Beispiel.

Lenk Dich mit irgendwas ab, rieten mir viele. Du brauchst eine Ersatzhandlung. Ich notierte mir die Möglichkeiten für die Momente, wenn der Schmacht kommen würde: Ein Glas Wasser trinken. Ein Bonbon lutschen. Etwas essen. Eine Runde spazierengehen (das ist wohl eher etwas für die wenig Rauchenden, mein Chef würde mir jedenfalls etwas husten, wenn ich jedes Mal spazieren gehen würde). Einen Kaffee trinken. Als Vor-Belohnung erwarb ich eine Espressomaschine.

10 Tage vor dem angesetzten Datum reduzierte ich dann wie mir selbst versprochen meinen Rauchkonsum, um den körperlichen Entzug abzufangen: Ich legte mir die Kippen für den Tag fest und teilte sie ein: 20 am zehnten Tag, 15 am neunten Tag, 10 am achten Tag, 8 am siebten und sechsten Tag, 5 am fünften und vierten Tag, drei an den letzten drei Tagen. So würde ich wenigstens die physischen Entzugserscheinungen auf ein Minimum reduzieren und könnte mich um meine Psyche kümmern.

Gleichzeitig mit dem Beginn des Countdown erlegte ich mir ein Rauchverbot für die Wohnung auf – ab sofort rauchte ich nur noch auf dem Balkon. Ich entlüftete meine Wohnung, die vermutlich unglaublich nach Rauch stank und fing an, alle meine Klamotten zu waschen, die Bettwäsche, Teppiche, Vorleger, Vorhänge. Die Wohnung sollte möglichst nicht mehr nach Rauch riechen, dieser Geruch sollte aus der Nase verschwinden, um es mir leichter zu machen.

Die Vorbereitungsphase funktionierte erstaunlich gut, ich war hochmotiviert.

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Der letzte Tag

Ich nutzte bereits meine Ersatzhandlungen und ahnte schon, dass die mir nichts bringen würden. Aber ich war stolz und aufgeregt: Ich würde das hinbekommen. Oder? Ich wollte, unbedingt. Ich war tatsächlich so mutig, am allerletzten Abend mit Freunden in eine Raucherkneipe zu gehen. Meine letzte Kippe hatte ich mir für 23.50 Uhr festgelegt – volle Dramatik, Baby. Aber schon die Vorletzte um 17 Uhr schmeckte mir nicht mehr. Meine letzte Zigarette habe ich nie geraucht.

Die ersten rauchfreien Tage

Tatsächlich hatte ich am ersten Nichtraucher-Tag keinerlei physische Entzugserscheinungen, mein Plan war aufgegangen – dachte ich. Ich war hibbelig und konnte mich kaum konzentrieren, aber der Urlaub nahte ja ohnehin. Am zweiten Tag ging meine Laune in den Keller – normal, dachte ich. Am dritten Tag ein Telefonat mit meiner Fernbeziehung – Heulerei pur. Das war so gar nicht ich. Mir dämmerte bereits, dass es da ein wenig mehr physische Abhängigkeit gab als allgemein angenommen.
Die Grönland-Reise lenkte mich dann einigermaßen ab, außerdem war ich körperlich schwer beschäftigt, denn ich war krass erkältet. Nach dem Nachhausekommen würde alles gut, dachte ich mir. Doch nichts wurde gut.

Ein schockierendes Tief

Mein Kopf raste in ein depressives Tief, wie ich es seit den Teenagerjahren nicht mehr erlebt hatte. Ja, ich steckte in einer recht anstrengenden Beziehung. Ja, supersonnig war mein Leben nicht, aber im Großen und Ganzen war ich eigentlich zufrieden. Außerdem hatte ich gerade eine tolle Reise hinter mir – was also sollte das jetzt? Ich erkannte mich selbst nicht mehr. Nichts war mehr gut, nichts konnte ich genießen, auf der Arbeit brachte ich nichts zustande und musste mich jede Minute zusammenreißen, um nicht loszuheulen. Es vergingen mehrere Wochen.

Nach Hilfe suchend ging ich zu meinen Hausarzt. Ob er mir Antidepressiva verschreiben sollte, fragte dieser mit einem nachdenklichen Blick auf das verstörte und Rotz und Wasser heulende Wesen, was da vor ihm saß. Aber ich wollte keine Pillen, ich wollte nur wissen, warum es mir so ging, ich wollte hören, dass das mit dem Rauchentzug zu tun hatte und es mir bald besser gehen würde. Nein, das könne damit keinesfalls etwas tun haben, sagte mir der Arzt. Völlig ausgeschlossen. Ich solle doch lieber Antidepressiva nehmen.

In meiner Verzweiflung schaute ich mir diverse, wenn auch leicht ominöse Hilfeforen im Internet an und stellte fest: Ich war nicht alleine, Depressionen nach einer Rauchentwöhnung schienen gar nicht so selten zu sein. Auch ein befreundeter Psychologe versicherte mir, dass dieser Zusammenhang keinesfalls an den Haaren herbeigezogen war.
Es war wahnsinnig wichtig für mich zu wissen, dass es andere wie mich gab und ich mir diesen Zusammenhang nicht einbildete.

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Rauchen und Depression

Heute ist der Zusammenhang zwischen Depression und Rauchen bzw. Exrauchen viel bekannter und einfacher im Internet zu finden. Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen Nikotin und einem herabgesenkten Serotoninhaushalt feststellen. Laienhaft ausgedrückt: Rauchen macht glücklich. Und wenn Du aufhörst zu rauchen, muss sich Dein Körper erst wieder angewöhnen, die Glückshormone zu produzieren, die für eine ausgeglichene Birne sorgen.
In anderen Studien wird eine Relevanz von einem Zusammenhang zwischen Menschen mit depressiven Neigungen und Tabakabhängigkeit erkannt. Unklar ist, ob zu Depressionen neigende Menschen eher zur Zigarette greifen oder ob Rauchen Depressionen begünstigt. Wieder andere Studien weisen darauf hin, dass Tabakkonsum psychische Störungen begünstigen kann.

Was ich lange irgendwie ahnte, aber nicht hatte wahrhaben wollte: Ich war nicht „einfach so“ Raucherin geworden. Durch das Lesen über die Zusammenhänge zwischen Rauchen und seelischer Gesundheit wurde mir klar: Ich hatte mich und meine Umwelt sinnbildlich jahrelang mit dem Dunst „vernebelt“ und damit auch alle Dinge, mit denen ich nicht klarkam.

Die Raucherei war ein „Wegrauchen“ der unangenehmen Dinge. Ich musste mich mit ihnen nicht beschäftigen, denn ich hatte ja schon eine Beschäftigung: Ich rauchte.

Das Genussrauchen war längst dem Psychorauchen gewichen. Wann immer mich etwas aufregte oder nervte, musste ich mir eine Kippe anzünden. Das passte auch zu meinem nächtlichen manischen Rauchverhalten, wenn ich nicht schlafen konnte oder wieder einen Albtraum hatte, und das passte dazu, dass der Leidensdruck unter dem Rauchen zu groß geworden war: Ich ahnte wohl schon, dass da etwas unter der Oberfläche brodelte, was rauswollte, und das Rauchen ein Mittel war, diese Dinge da unten zu halten.

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Der Lohn der ganzen Müh

Es dauerte etwa drei Monate, bis es wieder aufwärts ging. Meine Beziehung ist über die Entwöhnung gescheitert, aber das war ja letztendlich gut so. Sie hätte ohnehin nicht standgehalten.
Für diejenigen unter Euch, die bis hierher durchgehalten haben: Danke und Glückwunsch, ab jetzt geht es wieder aufwärts, denn nun kommt: Der Lohn der ganzen Müh.

Ich sehe heute klar.

Wenn ich nur einen Satz sagen sollte, weshalb es sich gelohnt hat aufzuhören, dann ist es dieser: Ich sehe heute klar.
Nicht im Ansatz habe ich vorher gewusst, was das Aufhören mit mir alles anstellen würde: Ich bin ein viel positiverer Mensch geworden. Altlasten, die noch aus Teenagerzeiten in mir schlummerten – von denen ich das vielleicht nichtmal gewusst habe – sind an die Oberfläche gekommen, verdaut worden und sind nun weg. Mein Blick ist nicht mehr vernebelt, genauso fühlt es sich an. Ich bin frei von Abhängigkeit durch mich selbst. Das Aufhören war eine Art Entrümpelung der Seele, und das völlig unerwartet. Unglaublich eigentlich.

Ich habe keine Schlafprobleme mehr.
Seit ich ein Teenager war, hatte ich Schlafprobleme. Ich brauchte mehrere Stunden zum Einschlafen und konnte nicht durchschlafen. In regelmäßigen Abständen hatte ich tagelange Phasen mit Albträumen. Das ist alles weg. Ich erkläre mir das durch die Wechselwirkung „Rauchabhängigkeit durch depressive Tendenz“ – „Depressive Tendenz durch Rauchen“. Dieser Kreislauf ist jetzt durchbrochen.

Ich bin wacher.
Früher war ich ständig müde. Natürlich auch durch den Schlafmangel, aber auch, wenn ich viel geschlafen hatte. Ich habe nicht gewusst, dass man sich so wach fühlen kann.

Ich sehe gesünder aus.
Was mir vorher auch niemand gesagt hat: Rauchende Menschen sehen im Gesicht grau aus. Ich war grau, ohne dass mir das aufgefallen ist. Auf einmal habe ich eine gesunde Hautfarbe.

Ich bin appetitlicher.
Ja, nu ernsthaft mal. Ich würde heute auch keinen rauchenden Kerl mehr anfassen können, und schon zu Raucherzeiten war mir klar, dass mich kein Nichtraucher haben wollen würde: Gestank, gelbe Finger, gelbe Zunge etc. sind einfach mal schwer unsexy, da kann Rauchen noch so cool sein.

Ja, ich habe zugenommen.
Das war allerdings nicht sehr wesentlich, drei Kilo etwa. Das ist gar nix im Vergleich dazu, was frau zunimmt, wenn erstmal das Alter kommt. Wie gut daher, dass meine Birne nun so ausgeglichen ist, das auszuhalten.

Und natürlich nicht zu vergessen: Ich bin frei.
Ich kann innerhalb von 10 Minuten meinen Rucksack packen und ein Wochenende raus ins Grüne fahren, ohne mir zu überlegen, ob ich genügend Tabak dabei habe. Ich setze mich in den Flieger nach Südamerika und denke höchstens an mein schlechtes Gewissen wegen meines ökologischen Fußabdrucks. Ich kann zu Hochzeiten ein Kleid ohne Taschen anziehen, denn der Mann hat den Schlüssel und mehr als den Mann brauche ich nicht, und schon gar nicht mache ich mir Gedanken, ob es warm genug ist, um draußen bequem zu rauchen. Ich habe meinen Kopf frei für viel wichtigere und schönere und entspanntere Dinge als Rauchen und habe keine Zwangsgedanken mehr im Kopf. Das ist für mich Freiheit.

Aber natürlich, so ab und an, wenn ich jemanden sehe, der voller Genuss auf einer Party seine Zigarette zelebriert, bin ich elendig neidisch. Aber das vergeht, sogar in weniger als 10 Sekunden.

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Die 10 Sekunden-Regel

In den Tagen und Wochen nach der letzten Zigarette habe ich all meine Ideen und Strategien ausprobiert, um mich vom Schmacht abzulenken, um nicht rückfällig zu werden. Dabei gab es eine Strategie, die bei mir wesentlich dazu beigetragen hat, durchzuhalten: Die 10 Sekunden-Regel.

Eigentlich ist es die Eine-Minute-Regel, die mir ein Bekannter erzählt hat: Wenn Du Schmacht bekommst, schau auf Deine Uhr und Du wirst sehen, dass Dein Schmacht in allerhöchstens einer Minute vorbei ist. Bei mir dauerte der Schmacht von Anfang an höchstens 10 Sekunden. Natürlich, in den ersten Tagen kam der Schmacht jede Minute. Später alle paar Minuten. Nach etwa zwei Wochen kam er nur noch jede Stunde einmal und nach drei Monaten hatte ich weniger als einmal am Tag Schmacht.

Wenn Du Dir vorstellst, dass Du rauchfrei sein kannst, wenn Du nur 10 Sekunden durchhalten musst – das klingt eigentlich zu schön und zu einfach, um wahr zu sein, oder?

Es ist wahr, jedenfalls bei mir.

Weitere Tipps, um das Nichtrauchen durchzuhalten

Natürlich kann bei Dir die Rauchentwöhnung ganz anders ablaufen, und ich würde das auch jedem wünschen. Andererseits hilft mir die schwere Phase nach dem Aufhören, gar nicht wieder anzufangen.

Dennoch möchte ich hier meine wenigen Tipps zum Durchhalten geben. Vielleicht helfen ein paar meiner Aussagen, so wie mir manche Thesen von anderen geholfen haben.

  • Die physisch schleichende Entwöhnung mit dem 10-Tages-Countdown war super, das würde ich nochmal so machen. Damit habe ich mir die krassen und unmittelbaren körperlichen Entzugs-Symptome erspart.
  • Mach Dein Leben rauchfrei. Damit meine ich natürlich nicht, dass Du rauchende Freunde über Bord werfen sollst, aber es ist wesentlich einfacher, wenn Deine Bude rauchfrei ist. Der Tipp von einer Freundin, alles zu waschen, was nach Rauch riechen könnte, war Gold wert.
  • Es ist Blödsinn, dass der Schmacht nie aufhört. Meine Friseurin sagte mir das mal, bevor ich aufhörte: Sie sei seit 5 Jahren Nichtraucherin und habe immer noch ständig Schmacht, das sei normal. Ist es nicht. Wie ich schon schrieb: Na klar, so zweimal im Jahr habe ich heute noch Schmacht. Für etwa 10 Sekunden. Ich habe auch etwa 5 Mal im Jahr Bock, mich tierisch zuzusaufen oder mich anderweitig abzuschießen – mache ich trotzdem nicht und kann damit gut leben.
  • Es gibt keine Ersatzhandlung! Einen Kaffee trinken, ein Bonbon lutschen… das war für mich alles Quatsch. Ich musste es einfach durchhalten und wie schon erwähnt war dafür die 10-Sekunden Regel genial. Die ersten Tage habe ich alle paar Sekunden Schmacht bekommen – soviel Wasser kann ja kein Mensch trinken. Eine Sucht mit einer anderen Sucht zu ersetzen ist ja ohnehin ziemlich bescheuert (auch wenn es nur Wassertrinken ist), wenn man vor allem aufhören möchte, um endlich suchtfrei zu sein.
    Man kann sich allerdings belohnen, denn man hat ja wenigstens ein bisschen Geld und vor allem einen Haufen Zeit gespart. Ich habe mich zum Beispiel mit schönem Essen belohnt: Mal den guten Joghurt statt nur den billigen gekauft oder was Spannendes gekocht.
  • Es geht Dir eventuell schlecht. Wenn Du jetzt ahnst, dass die Erzählung oben auch auf Dich zutreffen könnte, such Dir unbedingt einen verständigen Arzt und einen Freund/Freundin, um Dich auf diesem Weg zu begleiten. Das, was ich da oben erzählt habe, war kein Kinderkram. Das war eine ausgewachsene Depression, bei der ich Glück gehabt habe, dass die von alleine ging und dass ich einen flexiblen Arbeitgeber hatte. Es ist wichtig, so etwas nicht alleine durchzustehen.
    Vielleicht hilft es aber auch zu wissen, dass Du nicht alleine bist und dass nur Dein Körper und Kopf sich neu orientieren müssen. Gib Dir Zeit dafür. Aus einer schwierigen Phase zu lernen und sie wieder in Positives zu verwandeln braucht seine Zeit.

Ich wünsche Dir alles Gute und viel Erfolg, wenn Du jetzt auch gerade auf dem Weg bist, Nichtraucher/in zu werden. Wenn ich das konnte, kannst Du das auch.

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