Ein bisschen wünschte ich, diese Geschichte vom Eisschwimmen in der Antarktis wäre erstunken und erlogen. Deshalb, hier und in aller Deutlichkeit liebe Kinder: Nicht nachmachen!

Wir stehen auf dem Meer.

Unter uns: Die salzige Eiskruste des Meereises im Weddell Meer mitten in der Antarktis. Von hier aus geht es mit dem Schiff nicht mehr weiter. Wer dem Südpol noch näher kommen will, müsste laufen oder ein geeignetes Gefährt haben, einen Hundeschlitten vielleicht, gerade so, wie es Roald Amundsen machte, als er den Südpol als erster Mensch erreichte.

Das tiefe Blau des wolkenfreien Himmels harmoniert mit dem Blau des Weddell Meeres. Die weiße Wüste des Meereises, das ab hier das antarktische Festland umschließt, breitet sich vor uns aus und blendet die Augen.

Menschen auf dem Meereis in der Antarktis

Auf dem Meer stehen. Hier in der Antarktis ist das möglich.


Die MS Hanseatic hat sich einige Meter tief ins Eis hineingebohrt und nach und nach die Gäste mit den Zodiacs, den polarerprobten Schlauchbooten, auf das Eis gebracht.

Bug des Schiffes vor der Meereisgrenze

Die MS Hanseatic stößt langsam zum Meereis vor.

Schiff bricht durch das Meereis

Die MS Hanseatic schiebt sich vorsichtig ein paar Meter in das Meereis hinein.

Wasser und Meereis

Die Meereisgrenze im Weddel Meer in der Antarktis

Schlauchboot auf dem Meereis in der Antarktis

Die coolen Zodiacs sind meine Lieblingsfortbewegungsmittel: ganz nah dran.

Für antarktische Verhältnisse ist es heute relativ warm, unter den dicken Jacken und den Schwimmwesten, die wir hier heute nicht ausziehen sollen, schwitzen wir schnell.
Die Szenerie ist völlig unwirklich, es herrscht absolute Windstille. Antarktische Stille nach Tagen des Schiffsmotors. Spiegelglattes Wasser. Es sieht aus, als sei die Welt auf einmal zweidimensional.

Hier ist es, mein Ende der Welt.

eisberg-weddellmeer-antarktis

Menschen auf dem Meereis in der Antarktis

Auf dem Meereis. Das Foto habe ich vom Bug der MS Hanseatic aufgenommen – eine irre Kulisse (man beachte die Liegestühle)…

Wir schlürfen Sekt, machen Selfies auf Meereis mit Schiff und ein bisschen Quatsch.

Sektausschank mitten auf dem Meereis in der Antarktis

Das nenn ich mal dekadent: Auf dem Meereis wird Sekt gereicht.

Sektglas mit Schiffsspiegelung

Stößchen!

Posieren auf der Meereisgrenze im Weddell Meer

Der Mann posiert auf dem Meereis bei 64°11’ Süd, 56°57’ West.

Vor der im Eis fest liegenden MS Hanseatic

Wow. Einfach wow.

Ein paar Adeliepinguine kommen uns besuchen und gucken neugierig. Adeliepinguine sind neben den Kaiserpinguinen die südlichsten Pinguine der Welt. Andere Pinguinarten sieht man ab hier nicht mehr.

Zwei Expeditionsteilnehmer beobachten Adélie-Pinguine

Immer hübsch Abstand halten. Tatsächlich sind Adélie-Pinguine neugierig, aber schüchtern.

Der Mann probiert, ein paar schwimmende Pinguine unter Wasser zu filmen – vergeblich. Wir sehen hinterher nur ein wenig Krill unter der Eisoberfläche. Die meisten Pinguine haben gerade etwas anderes zu tun, eine Partnerin finden oder den Nachwuchs füttern.

Mann filmt auf dem Bauch unter die Meereisgrenze

Der Mann filmt unter Wasser, Arne macht mal wieder Späßchen. Leider war auf dem Film nichts Interessantes zu sehen.

Die Stimmung ist ausgelassen, auch die Angestellten haben dieses Erlebnis nicht oft. Zuviel ist hier wetterabhängig, wir befinden uns mitten in der Antarktis, also südlich 60° südlicher Breite.

Karte Antarktis, Wedell Meer, Meereisgrenze

Abgebildet ist hier das antarktische Festland (die antarktische Halbinsel) mit der Alexanderinsel. Beim Sternchen (so grob) sind wir.

Der Sekt ist es wohl auch, der mich ein bisschen mutiger macht als vielleicht nötig.

„Kann ich hier baden gehen?“ frage ich Arne, den Expeditionsleiter. Arne fährt seit vielen Jahren in die polaren Gebiete der Erde. Er ist ein ruhiger, trockener Typ aus dem Norden und einer, bei dem man sich freut, am Abend zum „Recap“ des Tages in die Explorer Lounge geladen zu werden, hat einen staubtrockenen Humor und bringt alle Gäste der MS Hanseatic regelmäßig zum Lachen. Die Balance, mit der er seine Vorträge zwischen leichter Zote, intelligentem Witz und frechen Bemerkungen nonchalant hindurchbugsiert, ist bewundernswert und schwer sympathisch.

Ob Arne den Ernst meiner Frage mitbekommen hat, wage ich jedoch zu bezweifeln, als er mir sehr spontan sein knappes „Joa“ antwortet.

Ich zögere und gucke mir den Eisrand an, hinter dem es tiefblaugrün schimmert. Nach kurzem Check finde ich eine Stelle, an der eine Eiskante unter der Wasseroberfläche ein Stück vervorguckt – perfekt, um ins Wasser zu gehen.

Soll ich wirklich?

Durch mein Zögern wird Arne wohl bewusst, dass er es hier mit einem ernsthaft schweren Fall von Vergnügungssucht zu tun hat.
„Badeanzug drunter?“, fragt er knapp.
„Sowas in der Art“, antworte ich. „Kann ich wirklich?“ Ob ich mich selbst oder ihn frage, weiß ich nicht so genau. Kann mir da im Wasser schwummerig vor Kälte werden?
Nicht, dass ich noch untergehe…
„Warum nicht?“, antwortet Arne. „Aber was, wenn Du untergehst?“
Ich hole Luft. „Dann müsst Ihr mich retten!“, antworte ich entschlossen und wohl eher mir selber.

Viele Zodiacs sind schon wieder zurück zum Schiff, jetzt muss ich mich beeilen.
Unter dem Gejohle der umstehenden Gäste und Crew ziehe ich mich aus und behalte nur meine outdoorgeprüfte Unterwäsche an. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

An den Rand setzen, Zehen eintunken, denken „Ohmann [zensiert] warum mache ich [zensiert] sowas…“

Mein Hintern und meine Füße sind im Wasser, ich rutsche schnell nach vorne, bloß rein da, bloß keine Sekunde länger warten, zack ins Wasser. Vor Schreck nehme ich einen Schwimmzug.

„KALT.“

Eigentlich will ich es rausschreien, aber meine Lunge weigert sich. Vor Kälte kann ich nicht mehr einatmen. Ich bringe den einzigen Gefühlsausdruck, zu dem ich gerade fähig bin, nur mit einem dürren Stimmchen heraus.

„Kalt.“ Hechelhechelhechel. „Kalt.“

Mir wird – dazu sind meine Gehirnzellen immerhin noch imstande – klar, dass ich nicht untertauchen darf, denn ich kann dafür keine Luft mehr holen. Mein ganzer Körper verweigert sich meinen Befehlen. Mein Überlebensinstinkt schreit nur noch „RAUS!“.

Ein Schwimmzug zurück und ich bin wieder an der Eiskante, der Mann reicht mir die Hand, ich sehe sein besorgtes Gesicht. Ohgott, es tut mir leid, dass Du so ein verrücktes Etwas an Deiner Seite hast, Du hast Dir echte Sorgen gemacht…

Schwimmen in der Antarktis

Der Mann, trotz voller Sorge, hat die kurzen Augenblicke dennoch in ein paar Fotos festhalten können – bis er mich wieder rausziehen musste. Call me Miss Antarktis.

Ich bin draußen. Meine Gehirnzellen lösen sich langsam vom Schock, ich höre das Klatschen der Umstehenden, manche sehen mich an, als hätte ich gerade mit fünf Pinguinen jongliert. Langsam wird mir klar, dass ich gerade mehrere tausend Meter Wasser unter mir hatte. Wenn ich untergetaucht wäre… Nicht zu vergleichen mit dem letzten Mal Antarktis-Eisbaden, da war es ein flaches Wasserbecken, das durch die Sonnenerwärmung 6 Grad plus hatte.

Die Crew wirft mir Geschirrtücher zu, ich kann mich abtrocknen und schnell in meine Kleider schlüpfen. Mir ist warm. Kein Wunder, denn die Luft ist einfach viel wärmer als das Wasser, was die Crew extra noch einmal nachmaß – es zeigte Minus 2 Grad.

Zurück auf dem Schiff und unter der Dusche brennt meine Haut, denn ich habe mir am scharfkantigen Eis und mit dem Taubheitsgefühl aufgrund der Kälte beim Aussteigen die Haut ordentlich aufgerissen. Irgendwie dämlich, dennoch hoffe ich, dass eine kleine Narbe zurückbleibt.

Am letzten Tag der Reise finde ich im Postfach unserer Kabinentür eine A4-Urkunde, frisch gedruckt, mit offiziellen Unterschriften von Expeditionsleiter und Kreuzfahrtmanager bestätigt: Ich bin jetzt offizielles Mitglied im „Wedell Sea Swimming Club“.

Urkunde für das Schwimmen in der Antarktis

Meine Urkunde als Lohn: Eine Mitgliedschaft im Weddell Sea Swimming Club.

Wissenswertes

  • Meereis ist gefrorenes Meerwasser, also salzig. Die Temperatur von Wasser kann aufgrund eines hohen Salzgehaltes unter 0 Grad fallen.
  • Der antarktische Sommer lässt das Meereis um die Antarktis schmilzen, allerdings natürlich nicht komplett. Ob ein Schiff das Meereis (im Weddell Meer im Jahr 2015 bis ca 64 Grad südliche Breite) erreichen kann, hängt von vielen Faktoren ab: Winde und Eisberge können den Weg versperren, die Navigation weit in den Süden erfordert Erfahrung und Geschick des Kapitäns.
  • Das Südpolarmeer ist an einigen Stellen 5800 Meter tief.
  • Ob sich ein gefährlicher Seeleopard in der Nähe befindet, ist eine Frage des Futters: Bei wenigen Pinguinen ist auch die Chance auf einen Seeleopard geringer. Nichtsdestotrotz habe ich für das Eisbaden eine freundliche Standpauke vom Kapitän erhalten und mir wurden Fotos gezeigt, auf denen ein Seeleopard ein Zodiac angriff. Ups.
  • Nicht wenige Schiffe versuchen, das Meereis zu erreichen, das funktioniert wenn überhaupt jedoch nur bei einer längeren Antarktis-Reise. Meine Reiseroute.