Eine nette Unbekannte schrieb mich vor ein paar Tagen an: Sie habe meine Fotos von Beelitz-Heilstätten gesehen, ob ich nicht Tipps für ähnliche Lost Places im Raum Berlin-Brandenburg für sie habe.
Ich musste gestehen: Nicht wirklich, denn verlassen sind die meisten dieser Orte mittlerweile nicht mehr. Sie haben sich als ehemaliger Geheimtipp herumgesprochen, oder sind saniert, oder streng abgeriegelt mit Wachschutz und unfreundlichem Hund hinterm Stacheldraht.

Doch dann fiel mir ein, dass ich vor einigen Monaten bei einer Recherche im Internet auf einen kleinen, recht unbekannten Friedhof im Grunewald gestoßen war, den „Selbstmörderfriedhof„, der neben seinem interessanten Beinamen noch ein weiteres kleines, für Hobby-Hippies wie mich verzückendes Schmankerl bereithält.

Und weil am Wochenende schönes Wetter vorausgesagt war, beschloss ich, diesen Friedhof endlich zu besuchen.

Der „Selbstmörderfriedhof“

Offiziell als Friedhof Grunewald-Forst mehr oder weniger bekannt, geht der Name „Selbstmörderfriedhof“ auf den Ursprung des Friedhofs zurück:
In den unruhigen und schwierigen Zeiten des 19. Jahrhunderts boten sich der Spandauer und Grunewald-Forst Lebensmüden als letzte Aktionsstätte an. Da die Havel eine ungünstige Unterströmung hat und in der nahe gelegenen „Bucht von Schildhorn“ einen Knick macht, wurden zudem an dieser Stelle die Havelselbstmörder an Land gespült.

Russengraeber

Die Leichen von fünf Russen, die sich während der Oktoberrevolution in die Havel gestürzt hatten, sind auf dem „Selbstmörderfriedhof beerdigt.

Da die Kirche Selbstmördern eine kirchliche Bestattung verweigerte und es bis 1920 ausschließlich kirchliche Friedhöfe gab, wurden die Leichname zunächst heimlich durch Angehörige auf einer Waldlichtung im Grunewald verbuddelt. Als die Entsorgung zunehmend auch für die zuständige Forstverwaltung zum Problem wurde, begrub diese ebenfalls, jedoch inoffiziell, die Toten an der bereits im Volksmund bekannten Stelle.

Die Quellen sprechen von unterschiedlichen Jahren, ab wann Bestattungen hier legal durchgeführt werden durften. Mal ist bereits von 1845 die Rede (was ich stark bezweifle), mal von 1920, als „Groß-Berlin“ entstand und jeder Bezirk einen nicht-kirchlichen Friedhof bekam. Sicher ist: Spätestens 1920 wurde die Grunewald-Forst Bestattungsstätte ein offizieller Friedhof.
Von nun an wurden auch „Normalsterbliche“ bestattet. Als „Schandacker“ angesehen, ließen sich jedoch in den Folgejahren recht wenige Menschen freiwillig dort bestatten; nicht zuletzt deshalb ist Eingeweihten der Friedhof nach wie vor als „Selbstmörderfriedhof“ bekannt.

Nico

Nico. Quelle: luizwoostock.blogspot.de

Den Jüngeren heute vermutlich unbekannt, ist Nico, 1938 geboren als Christa Päffgen, Sängerin und Model, eine der bekanntesten Persönlichkeiten, die auf diesem Friedhof bestattet sind.
Mutter eines Sohnes, den sie mit Alain Delon gezeugt hat, Sexgöttin und Inspirationsquell für viele Musiker der Zeit (u.a. Affären mit Jim Morrison, Lou Reed; außerdem Kontakte zu Bob Dylan, Sängerin für Velvet Underground), sucht sich angeblich bereits mit 18 Jahren diesen „Friedhof der unglücklichen Melancholiker“ als letzte Ruhestätte für sich und ihre Mutter aus.

Wer weder die 60er noch 70er musikalischerweise mag, sollte auf das Experiment verzichten, sich die Musik reinzuziehen, persönlich würde ich es aber dringend empfehlen.

Eindrücke auf dem Friedhof Grunewald-Forst, dem Selbstmörderfriedhof

Mein Ausflug führt mich quer durch den Grunewald Richtung Schildhorn. Der Friedhof liegt, vom S-Bahnhof Grunewald kommend, etwa auf gleicher Höhe wie der Teufelssee. Sehr einfach zu finden ist er vom Schildhorn aus: Dem Schildhornweg folgend weist linker Hand bald ein Schild auf den Friedhof hin.

Wegweiser auf dem Schildhornweg

Wegweiser auf dem Schildhornweg

Friedhofseingang

Eingang zum Friedhof

Willi Wohlberedt, Heimat- und Friedhofsforscher, war so begeistert von dem „schönsten Friedhof Berlins“, dass er sich hier ein Grab reservieren ließ. Nach seinem Tod bekam er von der Stadt ein Ehrengrab.

Heute ist der Friedhof einigermaßen zugewuchert. Die Wege werden noch gepflegt, auf einigen Gräbern liegen sogar frische Blumen, die meisten Gräber sind jedoch offensichtlich nicht mehr in der Pflege von Angehörigen.
Die Stadtverwaltung überlegt, keine neuen Beerdigungen mehr zuzulassen und den Friedhof irgendwann einzuebnen.

Friedhof

Der Friedhof: zugewachsen aber dennoch gepflegt

zugewachsener Grabstein

„Mutti & Papa“

1945 wurden einige Gefallene der letzten Kriegstage hier beerdigt. Nicht alle wurden identifiziert.

Gräber von Zivilistenopfern der letzten Kriegstage 1945

Gräber von Zivilistenopfern der letzten Kriegstage 1945

Grab eines unbekannten Soldaten

Grab eines unbekannten Soldaten

In der drittletzten Reihe finde ich das Grab von Nico. Tatsächlich: Hier wird der Sängerin anscheinend häufiger gehuldigt. Verblasste Fotos stehen neben dem Grabstein, der bereits mit Kerzenwachs gesprenkelt ist. Das passt zu den Erzählungen des Friedhofswärters, der von nächtlichen Fan-Besuchen am Grab Nicos berichtet.

Das Grab der Sängerin Nico

Das Grab der Sängerin Nico

Das Grab der Sängerin Nico

mit vielen handgeschriebenen Briefen

Sogar ein kleines Glashäuschen als Schutz für die ganzen Zettelchen steht bereit.
Auf einem eigens in Schutzfolie eingeschweißten Brief auf einer Steinvase, die aussieht wie ein kleiner Altar, kann ich lesen:
„We came […] to see your grave when there is unfortunately no possibility to see you alive. We think back of you… with love.“

Engel auf Nicos Grab

Engel auf Nicos Grab

 

Auf dem Weg zurück durch den schönen Grunewald bleibt mir noch Zeit zum Sinnieren – und zu Genießen, am Leben zu sein.

Grunewald

Schöner Grunewald

Forsthaus Grunewald

Forsthaus Grunewald

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