Was wäre, wenn ich ein Mann wär? Diese Frage kursiert seit kurzer Zeit als Blogstöckchen #WasAndersWäre im Internet und ich bin der Fee dankbar, dass sie mich getaggt hat, denn ich habe schon ein bisschen neidisch rübergeschielt.

Bei den bisherigen Artikeln habe ich mir immer auch gerne die Kommentare durchgelesen. Da Blogs von Frauen in der Regel eher von Frauen als Männern gelesen werden, dies ein Frauenthema ist und das Stöckchen eher in Blogs mit typischerweise „weiblichen“ Themen herumirrt (also DIY, Lifestyle, Nähen, Interieur, etc., um mal gleich mit den Klischees anzufangen), sind alle Kommentare bisher von Frauen gewesen. Diese haben zu einem großen Teil erst einmal betont, dass sie froh sind, eine Frau zu sein.
Darüber musste ich nachdenken, und ja, ich muss zugeben: Nein, ich bin nicht froh, eine Frau zu sein. Es ist nicht so, dass ich lieber ein Mann wäre, schließlich weiß ich ja nicht, wie das ist. Aber froh in meiner von der derzeitigen Gesellschaft zugetragenen Geschlechtsrolle bin ich nicht, nein, und auch so körperlich hat sich die Natur an einigen Stellen nicht um das Frau-Sein berühmt gemacht, jedenfalls was das Alter 40+ angeht: Die Muskeln lassen rapide nach, die Haut wird schlaff, die Erdanziehung lässt sich im Gesicht ablesen und ich überlege, statt mich im Bikini ablichten zu lassen vielleicht lieber Monthy Python Filme zu drehen, das würde meiner gesellschaftlichen Rolle jedenfalls wohl eher entsprechen.

Das Blogstöckchen wurde ursprünglich unter dem Hashtag #WasAndersWäre vom Blog Ich mach mir die Welt initiiert und war tatsächlich ursprünglich auch an Männer mit entsprechender Fragestellung gerichtet.

Was wäre, wenn ich ein Mann wär? Ein Rant.

Was wäre anders in deinem Leben, wenn du ein Mann wärst?

Ich würde Ingo heißen, verriet mir mal meine Mutter. Ok also, nagut, eindeutig ein Pluspunkt für die Weiblichkeit (sorry an alle Ingos der Welt).
Ich hätte höchstwahrscheinlich Kinder und wäre finanziell zum größten Teil alleine verantwortlich für die Familie – na herzlichen Glückwunsch.
Ich würde mich darüber aufregen, dass Frauen so gerne ihre „Mama“-Rolle in den Vordergrund stellen, mir das aber mit meiner Papa-Rolle nicht erlaubt wird; ja, dass auch und gerade von den ach so selbständigen Frauen der heutigen Zeit vorausgesetzt wird, dass natürlicherweise die Frau zu Hause bleiben und sich in ihrer Elternrolle wohlfühlen darf, während sie nebenbei noch einen Selbstfindungskurs macht, weil das ja so wichtig ist für Frauen, und von mir genauso selbstverständlich erwartet wird, dass ich 40 Stunden die Woche arbeiten gehe.
Wäre ich geschieden, würde ich ebenfalls voll arbeiten gehen, weil das Gericht trotz geteiltem Sorgerecht entschieden hat, dass ich gefälligst so viel zu arbeiten habe wie möglich, um finanziell für meine Kinder zu sorgen. Daher habe ich keine Zeit, mich zur Hälfte um die Kinder zu kümmern, weshalb wir das übliche Papa-Modell haben, was mich endlos ankotzt, denn ich würde mich jetzt auch gerne mal selbst finden und an 5 Tagen die Woche mich um Belange der Kinder kümmern. Und Brot backen. Und endlich im Garten den Rasen neu machen. Und eine Hängemattenvorrichtung bauen. Und mir nicht vorhalten lassen müssen, ich würde mich nicht genug um meine Kinder kümmern.
Denke ich mir so.

Wäre ich ein Mann, ich würde mich ernsthaft fragen, was diese Frauengeneration denn eigentlich will, denn irgendwie war das in den 70er/80er Jahren sehr viel klarer und ich würde mich fragen, was denn aus der vielbeschworenen Gleichberechtigung geworden ist.
Ok, Letzteres ist jetzt nicht anders, weil ich eine Frau bin.

Nicht falsch verstehen: Es möge jede nach ihrer Fasson glücklich werden, wenn es denn nicht der gesellschaftlichen Verantwortung widerspricht. Das heißt, ich möchte hier nicht sagen, dass arbeitende Mütter die besseren Wesen sind, um Gottes Willen. Dass aber heutzutage viele Mütter so selbstverständlich zu Hause bleiben wie in den Fünfzigern und Männern dieses Recht (von Frauen) genauso selbstverständlich abgesprochen wird, dass Männern heute immer noch die vollen Fähigkeiten der Kindererziehung abgesprochen werden, dass es durch all das immer noch nicht normal ist, dass Frauen voll arbeiten und/oder Männer downshiften, macht mich wahnsinnig.

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau bist?

Wieso fallen mir erstmal bei dieser Frage nur solche oberschnulli Sachen ein wie „Beine rasieren“, „mir Gedanken um die ersten Dellen machen“ und „bei Feiern in der Küche helfen“? Außerdem: Alle 4 Wochen schlechte Laune und Unterleibschmerzen haben. Darauf könnte ich sehr gut verzichten und finde es sowieso ziemlich semi, so direkt zu spüren, dass ich (nur?) ein Kind meiner Hormone bin.

Nach längerem Nachdenken: Mich verteidigen für meine Art.
Ich habe anscheinend ein bisschen mehr Testosteron als andere Frauen, oder jedenfalls bin ich etwas aggressiver als der Durchschnitt meiner Geschlechtsgenossinnen. Aggressivität bei Männern wird als normal empfunden, sie dürfen direkt und offensiv diskutieren, auch mal laut werden dabei und dann ist es ein „ehrlicher“ Typ, einer, „der seinen Mann steht“, der „weiß, was er will“ und „seine Überzeugungen verteidigt“. Wenn Frauen das tun sind sie aggressiv. Unweiblich. Negativ. Hysterisch. Zicken.
Und das macht mich natürlich wütend. Dass ich meine Agressivität unterdrücken soll, auch wenn ich sie als produktiv und nicht verletzend empfinde, macht mich agressiv. Und wenn an mich eine Erwartung gestellt wird, die ich bescheuert finde, mache ich grundsätzlich das Gegenteil. Das ist kindisch, stur, dickköpfig, albern, das weiß ich – aber so war ich schon von klein auf und ich bekomme es nicht hin, diesen Impuls zu unterdrücken:
Du findest mich doof und erwartest, dass ich Dich vom Gegenteil überzeuge? Pass auf, ich zeig Dir, WIE doof ich sein kann!
Ich soll mich mal in der Diskussion zurückhalten und wie andere Frauen „emotional ausgleichend“ wirken? Ich zeig Dir jetzt mal, wo der Vorschlaghammer hängt!
Und aus dem Archiv: Ich soll mich „benehmen“? Piss die Wand an, ich geh jetzt Saufen und Rumknutschen.
Ja ich weiß, dass ich anstrengend bin und bewundere den Mann (also meinen Mann, DEN Mann), dass er immer noch so tut, als wäre ich das nicht. Aber aus meiner Haut kann ich nicht und will das auch nicht unbedingt.

Wenn ich ein Mann wäre, würde ich nicht mit diesem blöden übertriebenen Dauerlächeln im Gesicht rumlaufen, das ich mir angewöhnt habe, weil ich mir früher ständig ein „lächel doch mal, das macht hübscher“ anhören musste, schon in meiner Teenagerzeit.

Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich meiner Stirnfalte, die von Schönheitschirurgen so nett „Zornesfalte“ genannt wird, sicher keinen Namen geben müssen (sie heißt Sokrates) – ja ich wüsste nicht einmal, dass so ein Ding unter Schönheitschirurgen einen bestimmten Namen hat. Denn wenn ich ein Mann wäre, dann würde ich nicht ständig auf eine Falte angesprochen werden. Ich glaube, Jungen wird nie ein „Du denkst zuviel“ gesagt. Mädchen haben nicht viel zu denken, sonst ist es scheinbar zu viel.
Das zu viel verteidige ich auch heute noch, genauso wie mein Diskussionsverhalten.

Welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist?

Auf eine Kamelfarm in Kasachstan würde ich nach meiner Erfahrung nicht mehr alleine fahren, weil ich eine Frau bin. Hier hatte ich das einzige Mal Angst, vergewaltigt zu werden und das möchte ich kein zweites Mal erleben.
Vermutlich lasse ich das Kinder bekommen lieber sein, weil ich eine Frau bin, denn ich habe mich im Geist immer alleine mit ihnen gesehen, und darauf hatte ich schlicht keine Lust.
Aber ansonsten fallen mir da keine Sachen ein. Ich bin so generell nicht besonders ängstlich. Ich zelte alleine im Wald.

Wer mich jetzt kennt und gerade seine Finger in der Tastatur klimpern lassen will, um mir einen fiesen Spinnen-Kommentar zu hinterlassen: Spinnenphobie hatte mein erster Freund auch! Und der hat sicher bis heute nicht die Eier in der Hose gehabt, so ein Vogelspinnenviech auf die Hand zu nehmen. Towanda!

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Das Klischee mit Frauen und Technik und so, das hat mir im Rückblick doch eine Menge verhagelt. In der Schule hatte ich Lehrer, von denen ich gelernt habe, dass Mädchen in Mathe, Physik, Chemie, Bio und Geologie von Natur aus nichts reißen können. Meine Eltern haben mich natürlich ganz anders erzogen, aber gegen so viele Lehrer ist mein Kopf nicht gegen angekommen. Erst im Abitur, mit einem neuen Mathelehrer, dünkte mir, ich hätte es mal probieren sollen, und als mich ein Professor im SQL-Kurs ansprach, ob ich nicht thematisch umsatteln wolle, weil ich ein ausgeprägtes logisches Talent hätte, habe ich mich zwar sehr geschmeichelt gefühlt, aber irgendwie war es zu spät.
Ich habe zwar heute über geisteswissenschaftliche Umwege doch einen technischen Beruf, fühle mich aber dennoch in vielen Sachen Männern unterlegen, obwohl ich weiß, dass das vermutlich nur Psychokram und einer früh angelegten Blockade geschuldet ist.

Außerdem nervt mich das Klischee der vielshoppenden, zig Schuhe besitzenden, an Schminke interessierten, politisch uninteressierten, nicht alleine unterwegs sein könnenden Frau. Natürlich sehe ich Unterschiede zwischen Männern und Frauen und finde das auch völlig ok. Nicht ok finde ich, dass diese Unterschiede heute kaum mehr kritisch hinterfragt oder gar in Frage gestellt werden und schon gar nicht, wenn sie mir übergestülpt werden.
Schade, dass ich mich dem mittlerweile sogar etwas gebeugt habe, um mir nicht „total unweiblich“ vorzukommen.
Allerdings hat das auch schon die ein oder andere Freundschaft gekostet, denn ich kann mich nunmal nicht auf Augenhöhe und ernstgenommen fühlen, wenn mir ein Kerl entgegenschleudert: „Männer machen sich halt immer einen Kopf um die große Politik der Welt, Frauen dagegen versuchen, so ‚im Kleinen‘ alles gut zu machen, eben in der Familie oder so“. Mit dem Alter ist es mir sogar zu blöd geworden, über so eine Schwachsinnseinstellung zu diskutieren.

Das Klischee, dass Frauen sich um die Brut zu kümmern haben, habe ich oben schon angesprochen. Das führt zum Beispiel dazu, dass ich – obwohl kinderlos – schlechte Jobchancen habe. Bei einem meiner letzten Bewerbungsgespräche bin ich die Sache mit den Kindern daher offen angegangen und habe erzählt, dass ich keine habe und auch keine plane, denn mein Freund hätte vier und das sei nun wirklich genug.
Daraufhin wurde ich gefragt, ob ich mich denn um die Kinder kümmern würde, wenn sie krank seien. Der Frau (!), die mir diese Frage gestellt hat, hätte ich liebend gerne die Fingernägel einzeln ausgerissen. (NEIN. Mein Freund hat vier Kinder und UM DIE KÜMMERT ER SICH SELBST, DA STAUNST DU BESCHRÄNKTE KUH, WAS?)
Beim nächsten Vorstellungsgespräch würde ich daher lügen und erzählen, dass ich zwei Kinder im Alter von 14 und 16 habe. Und das finde ich, pardon, zum Kotzen. Allerdings natürlich nicht nur im Hinblick auf Gleichberechtigung betrachtet sondern auch, was die Verantwortung der Gesellschaft und das Miteinander angeht. Ich finde es enorm traurig, dass ein so reiches Land wie Deutschland nicht schafft, Werte und Ideen des Füreinander, der Hilfsbereitschaft und der Gemeinschaft zu fordern und fördern, und dazu gehören Kinder und auch Arme, Alte, Kranke, Menschen in Not, Flüchtlinge. Wir sind so reich, wir könnten das sowas von gut hinbekommen.

In welcher Situation ist es von Vorteil, zur Gruppe der Frauen zu gehören?

Es guckt Dich keiner schief an, wenn Du öffentlich erklärst, jetzt „downshiften“ zu wollen, siehe erste Antwort. Als ich auf meine 4-Tage-Woche gegangen bin, hat niemand gefragt warum, das wäre sicher anders, wenn ich ein Mann wäre. (Aber wehe, jetzt unterstellt mir jemand einen Selbstfindungstrip! :P ).
Achso und: Ich kann mich öffentlich hinstellen und vor Glück über mein Leben heulen. Passiert mal. Tatsächlich, auch wenn Ihr jetzt so elendig viel Groll gelesen habt, finde ich mein Leben nämlich wunderbar und werde auch schnell sentimental, wenn ich darüber rede. Das finden dann alle ok und müssen keine Rolle zurecht rücken, was vermutlich bei einem Mann anders wäre.

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Andere haben an dieser Stelle mit „Liebe“ oder mit „Kreativität“ geantwortet. Ich glaube aber, dass auch in diesen Bereichen das Geschlecht eine Rolle spielt. Tatsächlich ist mir nichts eingefallen, wo ich ziemlich sicher bin, dass es egal ist ob männlich oder weiblich – oder irgendwas dazwischen. Ich kann mir nur vorstellen, dass es in Situationen, wo Instinkte, besonders niedere Instinkte eine Rolle spielen, das Verhalten sich nur noch minimal unterscheidet. Wer Hunger hat, wird egoistisch. Ob der Nebenmensch dann geopfert wird oder nicht, dürfte eher eine Frage des Charakters sein denn des Geschlechts. Was z.B. Hilfsbereitschaft in Not angeht, habe ich beim googeln nichts finden können. Aus meiner Erfahrung machen sich Männlein und Weiblein gleichermaßen für den Nebenmenschen stark. Allerdings hilft es beim Mann anscheinend, wenn das hilfsbedürftige Weibchen High Heels trägt – vielleicht sollte ich doch noch einmal meine Ausstattung überdenken.

Zu taggen ist mir äußerst schwer gefallen, weil ich die Fragen super interessant finde und gerne von unendlich vielen bloggenden Frauen (und Männern?) die Antworten wissen würde. Ich habe jetzt einmal wahllos in meine unendliche Feed-Liste gegriffen und wünsche mir, dass sich auch die Interessierten getaggt fühlen, auch wenn sie hier nicht erwähnt sind.

Getaggt:
Nikegoingweird
ichlebejetzt
Nadelundfadensalat
Planet Hibbel
Das Tuten der Schiffe
Naninkastravelspots

Dieser Beitrag soll nicht nur Teil des Blogstöckchens WasAndersWäre sein sondern auch meine Meinung wiederspiegeln, was Feminismus heute meiner Ansicht nach ist. Ja, der Feminismus, der in dieser traurigen, inhaltsleeren und missverstandenen „Debatte“ der WELT als langweiliger Weiberkram abgetan wird und über den bedauerlicherweise viele Menschen meiner Generation meinen, er sei überholt.
Einen wunderbaren Beitrag dazu hat Nils Pickert im Freitag geschrieben:

Außerdem hier im Blog: